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Gletscher ade: Der Hitzesommer 2022 führt vermutlich zu Rekordschmelze

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Von: Manfred Niekisch

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Skipisten auf der Diavolezza vor der Berninagruppe mit Pers- und Morteratschgletscher sind mit Vlies bedeckt. Der Hitzesommer 2022 dürfte gemäß ersten Messungen zu einer Rekordschmelze führen.
Skipisten auf der Diavolezza vor der Berninagruppe mit Pers- und Morteratschgletscher sind mit Vlies bedeckt. Der Hitzesommer 2022 dürfte gemäß ersten Messungen zu einer Rekordschmelze führen. © Gian Ehrenzeller/dpa

Das einst ewige Eis der Alpen ist längst nicht mehr ewig. Den Zugvögeln ist das egal, den Menschen treffen die Folgen dagegen hart. Die Kolumne.

Noch gibt es fünf von ihnen, von den Gletschern in den deutschen Alpen. Genauer gesagt in den bayerischen Bergen. Das wird nicht mehr lange so sein. Denn nach den Beobachtungen und Prognosen der Gletscherforscher und insbesondere des Helmholtz-Zentrums für Polar- und Meeresforschung in Bremen schmelzen die Gletscher sehr schnell dahin, dieses Jahr sogar schneller als in den Vorjahren. Dann ist bald Schluss mit der Eisbedeckung in den Alpen.

Für den Südlichen Schneeferner-Gletscher auf dem Zugspitzmassiv könnte sogar schon dieser Sommer der letzte sein. Es ist normal, dass in unserer warmen Jahreszeit die Gletscher an Masse verlieren. Aber normal wäre auch, dass sie im Winter dann wieder zulegen. Niederschläge füllen die Verluste wieder auf, können sie sogar übertreffen. Theoretisch.

Gletscher in Deutschland: Saharastaub trägt zum Abschmelzen bei

Doch die unnatürlich hohen Sommertemperaturen, das Ausbleiben ausreichend ergiebiger Schnee- und Regenfälle im Winter führen dazu, dass auch in der Schweiz und Österreich die Eiskappen der Berge schneller abschmelzen als je zuvor.

Dazu kommt der Saharastaub. Er führt nicht nur zur Umsatzsteigerung der Autowaschanlagen, sondern schlägt sich auch auf den Eisflächen nieder. Damit ist deren Rückstrahlkraft für Wärme geschwächt, die dunklen Flächen nehmen die Hitze vermehrt auf und das Eis wird zu Wasser, das munter sprudelnd Richtung Tal rauscht und nicht nur Freude und Erfrischung, sondern vor allem Probleme mit sich bringt.

Für die Zugvögel ist das unproblematisch. Gerade jetzt beginnen sie auf ihren uralten Routen mit den Flügen nach Süden, über die Alpen. Doch für ihre Orientierung brauchen sie die Gletscher nicht. Ob sie sich ein bisschen wundern, wie schnell sich die eisige Landschaft unter ihnen verändert, ist nicht untersucht. Und die Augen könnten sie sich darob ohnehin nicht reiben, aus naheliegenden Gründen.

Gletscher in Deutschland schmelzen: Zahlreiche negative Konsequenzen

Die Auswirkungen auf Fauna und Flora sind zumindest für den Gletscherfloh lebensbedrohlich. Und es schlägt wieder einmal ein Phänomen, das sich in der Natur abspielt, aber kein Naturphänomen ist, auf die eigentlichen Verursacher, den Menschen zurück.

Überschwemmungen, Erdrutsche, Schlammlawinen; Gefahren für Bergwanderer, Verluste touristischer Attraktionen und, nicht zuletzt, des Gefrierspeichers für Trinkwasser, sind noch die vordergründigsten negativen Konsequenzen für uns selbst. Positive Effekte hingegen sind nicht erkennbar.

Gletscher in Deutschland: Auswirkungen haben auch globale Dimensionen

Und wenn der Blick sich weitet über den Alpenraum hinaus, auf die Bergregionen der Welt, wird klar, dass die Gletscherschmelze und ihre Auswirkungen globale Dimensionen haben und Länder trifft, die sich noch weit weniger gegen diese Gefahren schützen können.

Aus so vielen Blickwinkeln zeigen sich die Auswirkungen des Klimawandels, teils überraschend und unvorhersehbar, teils mit Ansage. Es verwundert, wie wenig dieser Dramatik Rechnung getragen wird. Egal, wie, wo und aus welchen Gründen der Klimaschutz gerade wieder aufgeweicht wird, werden die Folgen allenfalls verschoben – und jedenfalls verschärft. Der Glaube, alles sei dann schon irgendwie beherrschbar, hat allzu oft in die Irre geführt. Das Gletschersterben als Effekt des Klimawandels zeigt es gerade deutlich. (Manfrid Niekisch)

Manfred Niekisch ist Biologe und ehemaliger Direktor des Frankfurter Zoos.

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