Glauben gehört in die Kirche, findet FR-Kolumnistin Maren Urner.
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Glauben gehört in die Kirche, findet FR-Kolumnistin Maren Urner.

Corona-Krise

Auch in Zeiten von Corona sind Meinungen keine Fakten

  • Maren Urner
    vonMaren Urner
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Ein Recht auf eigene Meinung heißt nicht Recht auf eigene Fakten. Wenn alle für wahr halten, was ihnen passt, geht das Denken unter. Die Kolumne.

Die Rollen quietschen. Schläuche, Halterungen und sonstige Gerätschaften ragen aus dem mobilen Bett. Eine Notfallszene, wie wir sie alle mindestens aus Film und Fernsehen kennen. Im OP bereitet sich das medizinische Einsatzteam auf den schwer verletzten Patienten vor. Dann schaut die verantwortliche Ärztin in die Runde und sagt: „Ich glaube, wir sollten amputieren.“

Nur gut, dass der Patient das nicht gehört hat und mit dem verbleibenden Bewusstsein davon ausgeht, keiner Glaubensentscheidung über die Zukunft seines linken Arms ausgeliefert zu sein. Oder würden Sie sich gern in die Hände und Werkzeuge eines Ärzteteams begeben, das seine Entscheidungen auf Basis von „Glauben“ trifft? Wahrscheinlich nicht!

Irriger Glaube reist in Sekunden um die Welt

Medizinische Maßnahmen sollten genauso wenig wie politische oder gesellschaftliche Entscheidungen aufgrund von „Glauben“ gefällt werden. Warum nicht? Weil dann Tür und Tor für Willkür geöffnet sind. Weil dann Menschen alles „glauben“ dürfen, was ihnen in den Sinn kommt, und das Recht auf eine eigene Meinung mit einem Recht auf eigene Fakten verwechselt wird.

Welche Blüten diese falsch verstandene Vorstellung von Skeptizismus treiben kann, können wir live und in Farbe in den digitalen Welten in sogenannten alternativen Nachrichten- und Informationsquellen genau wie in einigen Chatprogrammen und sozialen Netzwerken beobachten. Während solches Geschrei in analogen Zeiten auf dem Dorfplatz verhallte, reist es im digitalen Zeitalter in Sekundenschnelle um die Welt und auf die Bildschirme. Dank technischen Errungenschaften und wissenschaftlichen Fortschritten auch auf die Bildschirme derer, die an eben diese Errungenschaften nicht „glauben“.

„Glaube“ gehört in Religionshäuser – und kann gefährlich sein

Dann „glauben“ einige Menschen, dass die Erde eine Scheibe sei. Dann gibt es Menschen, die „glauben“, dass Mund-Nase-Bedeckungen nicht in der Lage seien, die Verbreitung von Viren zu verringern, die wir atmend, hustend und niesend in die Gesichter unserer Gegenüber versprühen. Ähnlich wie an dem Ort, an den der Glaube tatsächlich gehört, ist auch hier die Abwesenheit desselben der wohl schlimmste Fehler: Denn dann gibt es Menschen, die nicht an den menschengemachten Klimawandel „glauben“.

Glauben gehört in die Kirche, die Moschee, die Synagoge und die Religionshäuser dieser Welt. Er – oder seine Abwesenheit – sollte aber nicht über unsere Gesundheit entscheiden oder gar dafür sorgen, dass wir unsere Zukunft auf diesem Planeten verspielen.

Empirie und Denken statt Glaube und Meinung

Wer oder was soll die entstandene Leerstelle ersetzen? Wissenschaft und Empirie. Während der Glaube sich selbst am Leben hält, indem er Veränderungen aufgrund von Beobachtungen ablehnt, zeichnet sich Wissenschaft genau durch das Gegenteil aus: Einschätzungen, Urteile und Wissen werden aufgrund von Beobachtungen angepasst. Dynamisch statt statisch. Fortschritt statt Stillstand. Bessere Entscheidungen statt Glaubenssätze.

Und wie sieht das dann praktisch aus? Statt „Ich glaube (nicht)“ brauchen wir mehr „Basierend auf den Daten, die wir aktuell haben, denke ich…“, „Laut aktuellem Wissenstand, gehe ich davon aus…“ und – zurück im OP-Saal – „In Anlehnung an vergleichbare ähnliche Fälle sollten wir…“. In aller Kürze: ein wenig weniger Glauben und ein bisschen mehr Denken.

Das ändert selbstredend nichts daran, dass jeder Mensch eine eigene Meinung hat und haben darf, aber eben niemandem ein Recht auf eigene Fakten zugestanden werden sollte. Was wir dadurch ganz nebenbei auch gewinnen? Die Erkenntnis, dass die wenigsten Dinge auf dieser Welt in Stein gemeißelt sind und das Eingestehen von Fehleinschätzungen keine Schwäche, sondern eine Stärke ist. (Maren Urner) Maren Urner ist Neurowissenschaftlerin und Professorin für Medienpsychologie.

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