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Ein Skandal ohne Ende: Die Privatisierung der Unikliniken und ihre Folgen

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Von: Bernd Hontschik

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Uniklinikum Gießen
Hessen: Die Uniklinik Gießen wurde 2006 zusammen mit ihrem Pendant in Marburg an ein Privatunternehmen verkauft. (Archivbild) © Sebastian Gollnow/dpa

Seit der Privatisierung der Unikliniken in Gießen und Marburg stehen Tricks und Täuschungen an der Tagesordnung. Jetzt wird das nächste Versprechen aufgegeben.

Marburg – Über den Verkauf der Universitätskliniken Marburg und Gießen an einen börsennotierten Konzern ist in den vergangenen sechzehn Jahren eigentlich schon alles gesagt worden. Die Hessische Landesregierung hatte ihre gesetzlichen Verpflichtungen der Krankenhausfinanzierung so lange ignoriert, bis die Kliniken in ihrer Bausubstanz soweit heruntergekommen waren, dass CDU und FDP sie für den Spottpreis von 116 Millionen Euro an den Rhön-Konzern verkaufen konnten, der seinen Aktionären seitdem zehn Prozent Rendite zukommen lässt.

Die Landesregierung unter Roland Koch brüstete sich lauthals, den Landeshaushalt von der millionenschweren Last notwendiger Investitionen und Unterhaltskosten befreit zu haben. Was dem ärztlichen und pflegerischen Personal damit angetan wurde, interessierte nicht. Was das für die Medizin bedeutete, interessierte auch nicht. Heute wissen wir aber, dass alles sowieso ganz anders gekommen ist. Denn es weiß ja niemand, was in dem Kaufvertrag von 2006 eigentlich vereinbart worden ist. Der Vertragstext ist nach wie vor geheim. Warum ist dieser Vertrag wohl geheim? Misstrauen ist angesagt.

Hessen: Privatisierung der Kliniken in Gießen und Marburg zeigt ihre Folgen

Versprechungen wurden nicht eingehalten, Verträge wurden gebrochen, die Öffentlichkeit wurde immer wieder getäuscht, Erpressung war und ist an der Tagesordnung, aber das Schlimmste ist: Seitdem lässt sich jede Hessische Landesregierung am Nasenring durch die Manege führen. Nicht einen einzigen Euro hat der Verkauf der Universitätskliniken erspart, im Gegenteil. Vor kurzem hat die Hessische Landesregierung sogar eine halbe Milliarde Euro für den Konzern locker gemacht, um die privatisierten Universitätskliniken „zu fördern“!

Und in der ganzen langen Reihe von Tricks und Täuschungen ist aktuell nun die Partikeltherapie an der Reihe. Die Partikeltherapie war 2006 eine der großen und groß angekündigten Versprechungen des Rhön-Konzerns, um die Vorteile der Privatisierung der Unikliniken anzupreisen. Bei der Partikeltherapie handelt es sich um eine Sonderform der Strahlentherapie zur Behandlung bösartiger Tumore. Zur Anwendung kommen positive Ionen. Große Hoffnungen ruhen auf ihr. Die Partikeltherapie ist mit einem hohen technischen und apparativen Aufwand verbunden und der konventionellen Strahlentherapie überlegen, denn nicht nur das Bestrahlungsfeld lässt sich punktgenau konfigurieren, sondern auch die Bestrahlungstiefe. In Deutschland gibt es bislang nur zwei Zentren, die diese Therapie anwenden können, in Heidelberg und eben in Marburg.

Dr. med. Bernd Hontschik ist Chirurg und Publizist.
Hessen: Dr. med. Bernd Hontschik beschäftigt sich immer wieder mit der Privatisierung der Unikliniken in Gießen und Marburg. © Ute Schendel

Gießen und Marburg: Unikliniken in Hessen streichen teure Therapie

Und nun verkündet Christian Höftberger, der Vorstandsvorsitzende der Rhön-Klinikum AG, dass diese Technik in Marburg „an ihr Ende kommen wird, weil sie anscheinend zu komplex ist“. Eingeweihte wissen natürlich, dass diese technischen Argumente nur vorgeschoben sind, um die betriebswirtschaftliche Logik der Argumentation zu verschleiern. Die Technik sei zu teuer, zu aufwändig und nicht rentabel. Und so ist die Partikeltherapie in Marburg ein eklatantes Beispiel dafür, was mit der Medizin passiert, wenn sie rote Zahlen schreibt: Sie wird gestrichen, geschlossen und eingestellt. Ein Versorgungsauftrag oder die Gesundheit der Betroffenen sind dabei völlig gleichgültig.

Der Autor

Dr. med. Bernd Hontschik ist Chirurg und Publizist: www.medizinHuman.de. Aktuell im Handel ist sein Buch „Heile und herrsche! – Eine gesundheitspolitische Tragödie, Westend Verlag.

Was hier geschieht, ist nicht verboten. Es folgt der einfachen Logik jedes Unternehmens: Kosten senken, Einnahmen steigern, Gewinne ausschütten. Ob das Klopapier, Elektroautos oder Gesundheitsleistungen sind, ist dem Kapital völlig gleichgültig, Hauptsache es vermehrt sich. Wenn Krankenhäuser in Konzernbesitz geführt werden wie jedes andere Unternehmen, dann hat die Medizin abgedankt. Es gibt nur einen Ausweg, und das ist die Gemeinnützigkeit. Koste es, was es wolle. (Bernd Hontschik)

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