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Gereizte Nation

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Luxusautos egal welcher Marke haben nichts mit Nachhaltigkeit zu tun.
Luxusautos egal welcher Marke haben nichts mit Nachhaltigkeit zu tun. © Federico Gambarini/dpa

Werbung suggeriert uns so allerlei. Demnach wird der Darm zum Problemfall und Nobelkarossen werden zum Ökosystem.

An Reizthemen ist kein Mangel in diesen Wochen. Glaubt man der Werbung im Fernsehen, erscheint derzeit als das größte Thema aus dieser Kategorie der Reizdarm. Selbst der Hund wendet sich angewidert von Frauchen oder Herrchen ab, ganz zu schweigen von den Enkelinnen und Enkeln, denen die Blähungen der Großeltern-Generation angeblich jede Freude auf Kuschel- und Spielnachmittage verleiten.

Die Inhalte der Spots lassen einen zweifeln, ob das noch als Verbraucher-Information durchgehen kann oder doch eher an schlechtes Kabarett grenzt. Und sich dabei doch vom Kabarett deutlich unterscheidet, denn die Komik resultiert aus unbeabsichtigter Albernheit und Banalität, nicht aus dem Wunsch zu unterhalten, kritisch am Lack der Dinge zu kratzen, zu überraschen.

Angeregt werden sollen nicht der Geist oder das Denken, sondern die Verkaufszahlen von irgendeinem Produkt. Menschen in weißen Kitteln suggerieren, sie seien Ärztinnen oder Ärzte und wollen mit ihrem Tele-Rat der geblähten Fernsehnation (oder wenigstens für deren Darm) Reizabbau bieten. Da sind die Glaubwürdigkeit und die Hoffnung auf Linderung doch schnell erreicht.

Jedenfalls ist es werblich wichtig, sprachlich den Zeitgeist zu treffen. Da ist moderne Terminologie als ein Zeichen für Aktualität und Fortschritt unabdingbar. Prompt taucht in der Werbung der Begriff von einem nachhaltigen Ökosystem auf. Gut so, denn das ist es, was wir brauchen in diesen Zeiten von Verlust der Biodiversität. Ja, wir müssen in den Dimensionen von Ökosystemen und Nachhaltigkeit denken, unbedingt. Aber es ist schon reichlich frech, hoch motorisierte Karossen der Luxusklasse damit zu bewerben, sie seien ausgestattet mit „nachhaltigen Ökosystemen“.

Das freilich reizt weniger den Darm als vielmehr zum Widerspruch. Egal, welcher Antrieb die vier Ringe, den Stern und Co. auf der Straße vorantreibt, diese Autos passen nicht in ein Verkehrskonzept, wie wir es jetzt brauchen, in einen Straßenverkehr, der zukunftsfähig ist, mit Tempolimit 130 und einem niedrigen Energieverbrauch. Absolut niedrig, nicht relativ niedrig. Denn es nützt wenig, wenn Motoren zwar immer effizienter werden im Verbrauch, aber gleichzeitig immer größer und schneller. Dieser Rebound-Effekt frisst die – relativen – Verbesserungen auf.

Da ist das Fahrrad doch ein attraktiver Gegenentwurf und der Drahteselboom hoffentlich mehr als eine Modeerscheinung. Aber auch hier lauert gesundheitliches Ungemach. Folgerichtig preist die Werbung der Pharmaindustrie Mittel an, mit denen man sich wieder aufs Fahrrad wagen kann, mit den Freundinnen, wie früher, weil einem die Schwindelgefühle medikamentös ausgetrieben werden können. Es klingt allerdings, als ob Schwindelgefühle auf dem Fahrrad ein Problem des weiblichen Geschlechtes wären und Männer davon nicht betroffen.

Es ist wohl, glaubt man den Werbestrategien, offensichtlich, dass der Reizdarm alle Geschlechter gleichermaßen befällt. Ansonsten kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass viel kosmetische und medizinische Fernsehwerbung gezielt auf weibliche Zielgruppen ausgerichtet ist. Bei Achselschweiß, Haarschuppen und Rasiergeräten ist das anders. Auch ohne statistische Erhebungen zu bemühen sei die Annahme gestattet, dass es hierfür handfeste Gründe gibt. Bislang bleiben auch Baumärkte, so gesehen, eine Männerdomäne. Da passt das Frauenbild wohl nicht zu Laubbläser, Grill und Bohrmaschine.

Manfred Niekisch ist Biologe und ehemaliger Direktor des Frankfurter Zoos.

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