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Kolumne

Gerade jetzt

  • Michael Herl
    VonMichael Herl
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Sollen wir das Wahlalter auf 16 Jahre senken –  jetzt, wo Jugendliche sowieso schon so schwer an ihrem Schicksal zu knabbern haben? Die Kolumne.

Eigentlich leben wir ja in einer Unzeit. Unzeit? Ist natürlich Quatsch. Die Zeit vergeht. Sekunde für Sekunde. Vollkommen unabhängig von dem, was während dessen geschieht. Also kann es auch keine Unzeit geben. Doch sie gibt es. Und gar nicht so selten.

Etwa im „Zwangsvollstreckungsrecht“. Das erlaubt Gerichtsvollzieherinnen und -vollziehern sowie artverwandt Tätigen, zwischen 21 und 6 Uhr nur mit richterlicher Durchsuchungsanordnung Zwangsvollstreckungen zu vollziehen. Klartext: Während dieser „Unzeit“ darf säumigen Schuldenbuckeln nur in Ausnahmefällen der Kuckuck auf ihr Hab und Gut geklebt werden.

Auch Wilderern droht eine härtere Strafe, wenn sie zur „Unzeit“, in diesem Fall zwischen den Dämmerungen des Abends und des Morgens, einen Hasen schlagen, einen Fisch fangen oder einen Bock schießen. Für sie ist also nachts das Verbotene noch verbotener.

Auch das Arbeitsrecht kennt die Unzeit. So könnte an Weihnachten – um mal einen Fall zu konstruieren – einem vorübergehend fußkranken und zudem unglücklich verliebten Briefträger, der gerade neun Millionen im Lotto gewonnen hätte, doch bedauerlicherweise das Abgeben seines Scheins versäumte, in dieser unglückseligen Lebensphase nicht gekündigt werden.

Und zwar nicht, weil dies „zur Unzeit“, nämlich am Fest der Liebe, geschähe, sondern weil der gute Mann zusätzlich durch „anderweitige Umstände schon sehr stark belastet“ wäre. So jedenfalls entschied das Bundesarbeitsgericht in einem ähnlichen Fall. Besonders interessant daran: Der Gesetzgeber hält die Weihnachtszeit für eine Unzeit.

Zur Zeit aber fällt diese Unzeit in eine Unzeit. Ein Virus sitzt uns im Pelz. Seit bald zwei Jahren schon schütteln wir uns, kratzen uns und schubbern uns, das Biest jedoch werden wir nicht los. Eine Weile wähnten wir uns von ihm befreit, schmiedeten bereits Pläne für die Zukunft, wollten groß feiern und weit reisen – doch das Virus kam voller Ungestüm zurück und wird womöglich bald heftiger wüten denn je. Was macht das mit uns? Nun, die Alten werden griesgrämig und immer verstimmter. Aber die Jungen? Jene, die gerade jetzt vor der Aufgabe stehen, ihr Leben in einigermaßen sinnvolle Bahnen zu lenken? Eine schwierige Aufgabe.

Und just in dieser Unzeit zur Unzeit kommt mal wieder die Frage auf: Sollen wir das Wahlalter auf 16 Jahre senken? Anders gefragt: Sollen Teenager ein Mitbestimmungsrecht in der Politik erhalten? Und das gerade jetzt, wo sie doch sowieso schon so schwer an ihrem Schicksal zu knabbern haben? Meine Antwort lautet: Ja. Gerade jetzt.

Gerade jetzt sollten die über eine Zukunft mitentscheiden, die in erster Linie sie etwas angeht. Kritikerinnen und Kritiker aus konservativen Kreisen meinen, junge Leute neigten zu sehr zu extremen Positionen. Das mag sein. Aber muss das zwangsläufig schlecht sein?

Sollte man statt dieses hässlichen Ausdrucks nicht besser von Visionen reden? Von Vorstellungen, die abseits der verknöcherten Ansichten der Alten eine andere, eine bessere, eine gerechtere Welt im Sinn haben?

Man denke nur an die Massen junger Menschen, die freitags für ihre Zukunft auf die Straßen gehen. Sie vertreten extreme Positionen. Doch sie haben recht und nichts als recht. Gerade zu dieser Unzeit – die sich als Zeit für Veränderungen geradezu aufdrängt.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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