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Genosse Wladimir und seine Freunde in Afrika

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Von: Johannes Dieterich

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Wladimir Putin
Wladimir Putin, Präsident von Russland, schaut aus dem Fenster. (Archivfoto) © Alexei Druzhinin/dpa

In Afrika hat der russische Präsident noch Verbündete. Oft sind es Gangster wie er, aber ihre Zuneigung hat auch andere Gründe. Die Kolumne.

Fernsehreporter äußern ihre Verwunderung darüber, dass nicht immer nur ausgemergelte Eritreer und zottelige Afghanen in Flüchtlingsströmen über Grenzen schwappen: Das könne selbst „zivilisierten Europäern“ passieren, berichten sie derzeit erstaunt.

Womöglich werden sie sich bald noch ungläubiger die Augen reiben müssen, sollte es plötzlich zur Umpolung der Migrationsströme am Mittelmeer kommen und Millionen an Europäern würden die Flucht nach Süden ergreifen. Für den Fall einer auch nuklearen Eskalation des Ukraine-Konflikts sieht der deutschstämmige südafrikanische Rechtsgelehrte André Thomashausen einen „massiven Zustrom“ europäischer Flüchtlinge auf Afrika zukommen: Ein Treppenwitz der Geschichte, wie er nicht mehr sarkastischer ginge.

Ukraine-Krieg: Europa sollte hellhörig werden

Europäerinnen und Europäer sollten schon mal darüber nachdenken, was sie in diesem Fall erwartet. Sie werden gewiss nicht mehr damit rechnen können, auf Afrikas Flughäfen von Shuttle-Bussen abgeholt und zu ihren Lodges kutschiert zu werden. Eher werden ihre Rollkoffer bei der Suche nach einer Unterkunft im Wüstensand oder in der Kloake eines Slums stecken bleiben. Falls sie das Flughafengelände überhaupt verlassen können. Denn viele Afrikaner werden den bleichen Ankömmlingen alles andere als gewogen sein – was ihnen ob der Erfahrungen in den vergangenen drei Jahrhunderten auch niemand verübeln kann.

Die jüngste Abstimmung in der UN-Vollversammlung sollte Europa aufmerken lassen. Fast die Hälfte der 54 afrikanischen Abgesandten weigerte sich, die russische Invasion in die Ukraine zu verdammen: 17 enthielten sich der Stimme, acht tauchten zur Abstimmung erst gar nicht auf, der Gesandte Eritreas stellte sich sogar auf Russlands Seite. Ein Schönheitsfehler in dem ansonsten durchaus erfolgreichen Bemühen des Westens, die weltweite Front gegen den russischen Aggressor zu schließen.

Der Makel ist zweifellos auf das tief verankerte afrikanische Misstrauen gegenüber den Motiven des Westens zurückzuführen sowie auf die Tatsache, dass viele der sich enthaltenden Regierungen einst als Befreiungsbewegungen von Russland unterstützt wurden – allen voran Südafrikas ANC. Dessen Jugendliga bedankte sich jetzt ausgerechnet beim sowjetischen Geheimdienst KGB für dessen außergewöhnlichen Beitrag für die Befreiung der Südafrikaner:innen vom Joch der Apartheid.

Noch heute sind die Beziehungen zwischen Pretoria und Moskau entsprechend eng: Der vom KGB trainierte Ex-Präsident Jacob Zuma ließ sich vor wenigen Jahren in Russland wegen einer Vergiftung behandeln, er fädelte mit Wladimir Putin das Geschäft seines Lebens ein – den Kauf von Atomkraftwerken im Wert von knapp 80 Milliarden Dollar –, und er lernte von Comrade Wladimir, wie man ein Gemeinwesen in einen Gangsterstaat verwandelt.

Zur Person

Johannes Dieterich berichtet für die Frankfurter Rundschau als Korrespondent aus und über Afrika.

Das Projekt hieß hierzulande „State Capture“ und wurde erst im letzten Moment von einer tadellosen Verfassung und wachen Verteidigern der Freiheit gestoppt. Oder auch nicht, die endgültige Entscheidung steht nämlich noch aus.

Warum die Gangster ihre Räuberstaaten überhaupt errichten und aufrechterhalten konnten? Weil sie diese als Bollwerke gegen den westlichen Imperialismus ausgeben, der sowohl in Russland als auch in Afrika nicht von ungefähr verschrien ist.

Irgendwann kommt allerdings das wahre Gesicht der Gangsterregime zum Vorschein, so wie jetzt mit Putins Angriff auf die Ukraine. Doch dann ist es für Millionen von Menschen, womöglich sogar für die gesamte Menschheit, zu spät. (Johannes Dieterich)

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