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In Zeiten der Pandemie werden Menschen in Gruppen unterteilt – fraglich.
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In Zeiten der Pandemie werden Menschen in Gruppen unterteilt – fraglich.

Kolumne

Genesen, geimpft, gefährdet

  • Harry Nutt
    VonHarry Nutt
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Man muss auf die Folgen schauen, wenn in der Corona-Krise Menschen in verschiedene Gruppen eingeteilt werden.

Die Unterscheidung zwischen Genesenen und Geimpften hat keineswegs nur semantische und grammatikalische Folgen, auch wenn diese sofort auffallen. Ein Beispiel: Ein Genesender wird in der Regel nicht von sich behaupten, gesund zu sein. Eher befindet er sich nach einer Erkrankung auf dem Weg der Besserung.

Im Kontext der Diskussion über Grundrechte und Pandemie aber fasst man die Genesung nicht länger als Verlaufsform auf dem Weg zur Gesundung auf, sondern attestiert den derart Bezeichneten einen bereits erreichten Zustand, der zertifiziert und nachgewiesen werden soll. Aus dem einfachen Satz „Ich bin geimpft“ wird die Statusbehauptung: „Ich bin ein Geimpfter.“

Der oder die Genesene befindet sich also nicht allein in der Überwindungsphase einer prekären gesundheitlichen Situation, vielmehr werden sie in den Stand einer sozialen Gruppe erhoben, denen Rechte zugestanden werden, die anderen, wenn auch vorübergehend, vorenthalten bleiben. Was sich als sprachliche Marotte leicht abtun ließe, hat eine besondere Pointe, die anzeigt, wie sehr sich auch das Verhältnis gegenüber der Gefährdung verändert hat.

Der Mensch, so war man eben noch geneigt anzunehmen, ist das gefährdete Wesen par excellence. Ein Großteil seines Tuns lässt sich als Versuch beschreiben, Gefährdungen zu antizipieren und zu reduzieren. Das Streben nach Sicherheit ist ein gattungsspezifisches Merkmal, und moderne Gesellschaften können in diesem Sinne als Sekuritätsgesellschaften beschrieben werden.

Das schließt die Produktion von Risiken, wie sie Ulrich Beck in seinem Buch „Risikogesellschaft“ hervorgehoben hat, nicht aus. Wie widersprüchlich das Streben nach Fortschritt und Sicherheit ist, haben Horkheimer/Adorno in ihrer „Dialektik der Aufklärung“ erkannt, in der sie deutlich machen, dass jede Idee von Fortschritt auch umschlagen kann in Mythologie. Der Mensch ist eben auch ein sich selbst gefährdendes Wesen.

In sprachlicher Hinsicht ist die Angelegenheit also einfach. Wo immer von Geimpften und Genesen die Rede ist, sollte man aufmerksam sein für den verborgenen ideologischen Gehalt des Satzes. In ihm wird eine vorweggenommene Immunisierung suggeriert, die weder Abstandsregeln noch Impfstoff gewährleisten können.

In der politischen Arena aber wird es darauf ankommen, eine neue Spielaufstellung zur Überwindung der pandemischen Schockstarre zu finden. Unter dem Begriff Sekuritätsgesellschaft werden ja keineswegs die stabilen Gewissheiten einer Gemeinschaft verhandelt, sondern die Bemühungen, den Gefährdungen zuvorzukommen.

Wo dies misslingt, wird die Fähigkeit zur Nachjustierung und Selbstregulierung auf die Probe gestellt, die sich nicht nur in der Erwartungshaltung gegenüber staatlichen Instanzen zeigt, sondern auch in den sozialen Interaktionsfeldern, in denen Solidarität, Rücksicht und Achtsamkeit wichtige Indikatoren der Krisenbewältigung sein können.

Wo Staat und Politiker ausschließlich als Urheber eines umfassenden Versagens adressiert werden, werden auch die Ressourcen zur Selbstbefähigung preisgegeben. Bei den Fragen, welche Sicherheiten Geimpfte und Genesene tatsächlich genießen und welche Rechte man ihnen zugestehen mag, sollte der ihnen zugewiesene soziale Rang nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie Gefährdete bleiben.

Harry Nutt ist Autor.

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