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Von: Joane Studnik

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Bei Protesten treten trans Menschen offen für ihre Rechte ein. Im Alltag hingegen fühlen sie sich oft ausgegrenzt, weil die Gesellschaft in Zusammenhang mit ihnen Probleme konstruiert, die gar nicht da sind.
Bei Protesten treten trans Menschen offen für ihre Rechte ein. Im Alltag hingegen fühlen sie sich oft ausgegrenzt, weil die Gesellschaft in Zusammenhang mit ihnen Probleme konstruiert, die gar nicht da sind. © Mohssen Assanimoghaddam/dpa

Eine Initiative hat ein Auge auf Berichte über geschlechtliche Minderheiten und kritisiert unfaire Beiträge. Die Kolumne.

Die Bundesregierung hat ihre Ankündigung wahr gemacht: Wenige Tage vor der parlamentarischen Sommerpause skizzierten FDP-Justizminister Marco Buschmann und Grünen-Familienministerin Lisa Paus Eckpunkte für ein Selbstbestimmungsgesetz, das ab 2023 das teils verfassungswidrige Transsexuellengesetz (TSG) ablösen wird. Wenige Tage zuvor war die Initiative #TransMedienWatch gestartet, deren Initiator:innen die teils kampagnenartige Berichterstattung über Trans-Themen kritisch überprüfen.

Das zeitliche Zusammentreffen war kein Zufall, erklärt mir Janka Kluge vom Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität (DGTI), Mitorganisatorin von #TransMedienWatch. Ihr zufolge treibt die Community schon länger um, transphober Berichterstattung etwas entgegenzusetzen. Nun, wo das Selbstbestimmungsgesetz Formen annimmt, habe man den zeitlichen Rahmen angepasst.

Wenige derer, die über Transidentität schreiben, kennen sich mit den spezifischen Aspekten geschlechtlicher Identität, der Sozialgesetzgebung, Medizin und Psychologie aus. Journalist:innen, die sich mit diesem Thema beschäftigen, versuchen sich rasch einen Überblick zu verschafften, Konfliktlinien herauszuarbeiten, kritische Fragen zu formulieren. Das findet Janka Kluge nicht per se problematisch. Entscheidend sei aber, „wie mit den Fragen umgegangen wird“.

Selbstverständlich könne man etwa fragen, ob ein Problem entstehe, wenn transidente und andere Frauen in gemischten Umkleiden zusammenkommen – in neueren Schwimmbädern ziehen sich ja auch Menschen jederlei Geschlechts in Einzelkabinen um, ohne dass es einen Aufschrei gebe.

Anders liegt der Fall bei geschlechtergetrennten Sammelumkleiden. Hier könnte bereits die Fragestellung in die falsche Richtung weisen. Janka Kluge: „Es wird immer unterstellt, wenn Transmenschen irgendwo auftauchen, schwimmen oder ins Fitnessstudio wollen, würde ein Riesenproblem auftauchen. Für die meisten Transmenschen führt die Ablehnung, die sie spüren, dazu, dass sie nicht mehr schwimmen, in die Sauna, ins Fitnessstudio gehen.“ Wer nachhakt, versteht, wie stark öffentlicher Diskurs und Alltagsrealität voneinander abweichen, und wie beides miteinander zusammenhängt.

In der medialen Debatte werden mitunter leichtfertig transphobe Konfrontations-Narrative übernommen: „Da wird eine Feind-Linie aufgebaut, die es in der Realität in dieser Form überhaupt nicht gibt.“ Ein Auge hat #TransMedienWatch auf konfrontative Inszenierungen, mit denen Talkshows wie „Stern TV“ jüngst vermeintlich unterschiedliche Sichtweisen in Szene setzten. „Die grundlegende Kritik an solchen Formaten würde ich auch formulieren, wenn es nicht um trans geht: Man schickt die Leute in die Arena, dann hat man noch Schiedsrichter und schaut, wer die meisten Blessuren abbekommt.“ Das sei kein Journalismus, „sondern eine Form von Voyeurismus“.

Dennoch spricht sich Janka Kluge gegen „ein Denkverbot oder ein Sprechverbot“ aus: Vielmehr gehe es darum, „dass Journalist:innen saubere, ordentliche Arbeit machen“. Quellen müssten überprüft, einsortiert und hinterfragt werden. Es reiche nicht, einen umstrittenen Jugendpsychiater wie Alexander Korte als starke Meinung zu präsentieren. Dabei müsse klar werden: Für wen spricht der vermeintliche Experte, welchen Rückhalt hat er in Fachgremien? Weil das allzu selten geschieht, bleibt den Freiwilligen hinter #TransMedienWatch noch viel zu tun.

Joane Studnik ist Autorin.

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