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George Rickeys Berliner Werk vor der neuen Nationalgalerie in Westberlin.
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George Rickeys Berliner Werk vor der neuen Nationalgalerie in Westberlin.

Kolumne

Gelassen im Wind

  • Harry Nutt
    VonHarry Nutt
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Während die Kunst von vielen als Triebfeder der jungen deutschen Demokratie aufgefasst wurde, schlummerte in ihr auch eine zutiefst antidemokratische Haltung. Die Kolumne.

Irgendwann Ende der 80er Jahre erhielt ich die Gelegenheit zu einer Begegnung mit dem US-amerikanischen Künstler George Rickey. Der Freund einer Freundin hatte ein privates Treffen organisiert, bei dem der Bildhauer, der für seine kinetischen Skulpturen berühmt war, sein Berliner Werk vor der Neuen Nationalgalerie, dem Mies-van-der-Rohe-Bau, für uns, einer Gruppe von vielleicht sechs oder acht Personen, erklärte.

Leider vermag ich mich nicht mehr an das zu erinnern, was er vortrug. Im Ohr geblieben ist sein sympathischer amerikanischer Akzent und die Vorstellung, dass er sehr viel mehr über sein Werk verriet als ich mir auszumalen gewagt hatte.

Vermutlich sprach er über die Herstellung von „Vier Viertel im Geviert“, so der Titel des Werks, der im Deutschen nach einer auf Sachlichkeit bedachten Übercodierung klingt. Die Beweglichkeit des Mobiles im Wind war das eine, das Werk als Ganzes aber signalisierte auch den Zusammenhang einer Welt im Quadrat. Von all dem sagte Goerge Rickey vermutlich nichts, er wird andere Erläuterungen für sein schlichtes, aber auch Jahrzehnte später noch faszinierendes Werk gefunden haben.

George Rickey war in der Welt der Kunst kein Unbekannter. Knapp zwei Jahrzehnte zuvor hatte er einen für die Kunstwelt nachhaltigen Skandal ausgelöst. Nachhaltigkeit im Sinne von kulturschaffend.

Nachdem der 1907 in South Bend/Indiana geborene Rickey bereits an der Documenta III und IV (1964 und 1968) teilgenommen hatte, war die westfälische Stadt Münster gewillt, seine Skulptur „Drei rotierende Quadrate“ für 130 000 DM zu kaufen.

Zu viel, befanden die aufschreckten Bürgerinnen und Bürger der Stadt. Ihre vehemente Ablehnung aber wurde zum Startschuss für die alle zehn Jahre stattfindende Ausstellung „Skulpturen Projekte“, mit der Münster von 1977 an zu einem festen Bestandteil des großen Wanderzirkus’ der weltweit bedeutenden Kunstereignisse geworden ist.

Die Bundesrepublik befand sich Ende der 60er Jahre in einer anhaltenden Konfliktphase. Und die Auseinandersetzungen um moderne Kunst spielten dabei eine zentrale Rolle.

Mir kam das unspektakuläre Zusammentreffen mit George Rickey lange wie ein Initiationsritual zur Aufnahme in die große weite Kunstwelt gleich um die Ecke zu vor. Aber so schwerelos, wie sich die vier Vierecke im Berliner Wind zu bewegen schienen, war die Sache nicht.

Die Rickey-Skulptur hatte Werner Haftmann für die Neue Nationalgalerie erworben, der von 1967 bis 1974 deren Direktor war, und zuvor zu den entscheiden Köpfen in der Gründungsphase der Documenta in Kassel neben Arnold Bode gehörte.

Vor dem Hintergrund seiner führenden Rolle bei der Documenta ist unlängst über dessen Verstrickung in das NS-Regime berichtet worden. Erst vor wenigen Wochen ist es der Historikerin Karin Wieland und Heinz Bude, dem Direktor des Documenta-Instituts in Kassel, gelungen den Nachweis zu führen, dass Haftmann bereits vor 1933 Mitglied der SA war.

Dessen Verständnis von Moderner Kunst, so legen Wieland und Bude nahe, war geprägt von einem starken antibürgerlichen Affekt. Während die Kunst von vielen als Triebfeder der jungen Demokratie aufgefasst wurde, schlummerte in ihr auch eine zutiefst antidemokratische Haltung. George Rickeys Skulptur pendelte dazu gelassen im Wind.

Harry Nutt ist Autor.

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