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Hünengrab in der Altmark in Sachsen-Anhalt,
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Hünengrab in der Altmark in Sachsen-Anhalt.

Kolumne

Gefühl und Klasse

  • Harry Nutt
    VonHarry Nutt
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Was soziale Gerechtigkeit ist und wie sie neu ausgehandelt werden kann, dürfte entscheidend sein für die Zukunft – nicht aber unbedingt für die nächste Wahl.

Auf dem Weg aus der Ostprignitz in die niedersächsische Südheide führt unser Weg immer wieder einmal durch die Altmark. Eine Landpartie, die Strecke ist deutlich kürzer als die Fahrt über die Autobahn, eine Zeitersparnis ergibt sich allerdings nicht.

Unterdessen fragen wir uns jedes Mal, anhand welcher Merkmale es uns wohl gelingt, den früheren Grenzverlauf ausfindig zu machen. Verlässliche Indizien finden wir nicht. Die Altmark und die niedersächsische Elbregion sind gleichermaßen ländliche Räume, die nicht gerade prosperieren. Sonderlich schlecht scheint es den Menschen, betrachtet man die Einfamilienhäuser samt der davor parkenden Autos, allerdings auch nicht zu gehen.

Auf die Frage, warum die linken Parteien bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt zuletzt nur noch einstellige Stimmenergebnisse zu erzielen vermochten, antwortete der Soziologe Harald Welzer in einem Radio-Interview, vermutlich gehe es den Menschen zu gut, um Parteien zu wählen, die sich erklärtermaßen den Schlechtergestellten verschrieben haben. Mit den sogenannten Prekarisierten, so hätten bereits Gerhard Schröder und Tony Blair vor 20 Jahren in ihrem New-Labour-Papier aufschreiben lassen, sei nun mal kein Staat zu machen.

Ergänzend darf man wohl feststellen, dass sich niemand gern den Prekarisierten zuschlagen lassen möchte. Weder die Linkspartei noch die SPD wollen klassische Arbeiterparteien sein, und ein entsprechender Arbeiterstolz schlägt sich nirgends mehr im Wahlverhalten nieder. Neben sozialen Zugehörigkeiten sind vielmehr psychologische Befindlichkeiten entscheidend, und die Stimmung der Bürgerinnen und Bürger hat nicht zwangsläufig etwas mit Stellung, Herkunft und Zukunftserwartungen zu tun.

Soziologisch betrachtet ist das nicht gerade neu. In seiner Studie über die „Angestellten“ hatte Siegfried Kracauer bereits 1930 festgestellt, dass die Menschen der Klasse, der sie zugerechnet werden, zu entkommen streben – aufwärts, versteht sich.

Die Vorstellungen von sozialer Gerechtigkeit, denen die Sozialdemokratie ihre große Geschichte verdankt, sind nunmehr selbst prekär. Für die Wahlentscheidung scheinen Klassenlagen weniger ausschlaggebend zu sein als Gefühlslagen, und gesellschaftliche Veränderung wird kaum noch als Verheißung, immer öfter aber als Bedrohung empfunden.

Das Prinzip der sozialen Gerechtigkeit, dessen Geltung man für sich selbst, nicht zuletzt aber auch für andere als Regulativ und Ordnungsprinzip beanspruchen möchte, geht einher mit einer sogenannten Wokeness, einer demonstrativen Wachsamkeit für diskriminierte soziale Gruppen. Es geht dabei um eine erhöhte Sensibilität für soziale Ungerechtigkeit, die sich weniger aus dem gesellschaftlichen Wettbewerb, sondern gegebenen Merkmalen wie sexueller Orientierung und Hautfarbe ergibt.

Während sich in der sozialen Wahrnehmung der Eindruck erhärtet, dass partikulare Wokeness in Konkurrenz zu einem eher allgemeinen Verständnis sozialer Gerechtigkeit tritt, feiert aufseiten der politischen Rechten eine Haltung Erfolge, in der gesellschaftliche Komplexität negiert und einfache Lösungen propagiert werden.

Was soziale Gerechtigkeit ist und wie sie neu ausgehandelt werden kann und muss, dürfte entscheidend sein für die Zukunft – nicht unbedingt aber für die nächste Wahl.

Harry Nutt ist Autor.

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