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Die Frage bleibt, ob die Einladung zur politischen Teilhabe eine Bevölkerung glücklich macht, zwar coronafrei, aber abgeschottet von der Welt draußen zu leben.
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Die Frage bleibt, ob die Einladung zur politischen Teilhabe eine Bevölkerung glücklich macht, zwar coronafrei, aber abgeschottet von der Welt draußen zu leben.

Kolumne

Gefangen in der Covid-Zeitblase

  • vonJoane Studnik
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Taiwan hat das Coronavirus fast ausgerottet – doch die Menschen in dem asiatischen Inselstaat zahlen einen hohen Preis dafür, ihren Alltag zu leben. Die Kolumne.

Zum ersten Mal seit elf Jahren kam Audrey im Sommer nicht nach Berlin. Meine taiwanesische Freundin liebt Berlin, diese flirrende Metropole der individuellen Freiheit, deren Bewohner:innen Regeln und Gesetze gerne in ihrem Sinne auslegen. Ordnung, Sauberkeit, Disziplin, Effizienz, Humorlosigkeit – die gängigen Stereotypen über Deutschland, sie stehen in der Hauptstadt Kopf. Die unerträgliche Seite an dieser Leichtigkeit des Berliner Seins führt uns der Corona-Lagebericht täglich vor Augen. Vierstellige Neuinfektionszahlen und Dutzende Tote, Intensivstationen an der Grenze der Belastbarkeit – fahrlässige Folge der Lässigkeit im Umgang mit Corona-Regeln.

Abstandsregeln, Maskenpflicht, Verzicht auf Reisen und Kontakte: Ein erheblicher Teil der Berliner:innen pfeift darauf, je später der Abend, desto dreister. Kurz vor Mitternacht in der S2. An der Station Attilastraße nimmt ein junger Mann Platz, Fünftagebart, außer Atem, er hüstelt, die Maske unterm Kinn. Meine Bitte, die Maske vor Mund und Nase zu schieben, quittiert er mit einem feindseligen Blick: „Ich verstehe Sie nicht.“ „Ich werde das nicht diskutieren“, antworte ich müde. Springt er mir nun an die Gurgel? Er setzt sich in das nächste Abteil und hustet laut vor sich hin.

Am nächsten Morgen schreibe ich Audrey, wie sehr ich Taiwan vermisse, wo Gemeinsinn geholfen hat, Corona nach insgesamt sieben Todesfällen und nicht einmal 700 Infektionen nahezu auszurotten.

Taiwans Kommunikationsministerin Tang, auch sie heißt Audrey mit Vornamen, glaubt nicht, der Rückhalt für die rigide Abschottung der Insel zum Schutz der einheimischen Bevölkerung sei selbstverständlich. Jede politische Entscheidung müsse transparent nachvollziehbar sein, jeder in dem demokratisch regierten Inselstaat soll alle Rohdaten bei der Verteilung von Medikamenten und Masken einsehen können. Allen wird vorbehaltlos digitale Verantwortung übertragen, ob sie das Angebot annehmen oder nicht.

Vielleicht würde man auch hier mit einer derart radikalen Transparenz Leuten den Wind aus den Segeln nehmen, die lieber über „die da oben“ schimpfen und über angeblich willkürliche Corona-Maßnahmen jammern?

Die Frage bleibt, ob die Einladung zur politischen Teilhabe eine Bevölkerung glücklich macht, zwar coronafrei, aber abgeschottet von der Welt draußen zu leben. Zwar sei sie froh, dass ihr Alltag so weitergehe wie zuvor, schreibt meine Freundin Audrey. Selten werden im Land mehr als zehn Neuinfektionen am Tag gemeldet, man kann essen gehen, Freundinnen sehen und Englisch im Klassenraum unterrichten, statt die Kinder per Videoschalte bei Laune zu halten. Aber glücklich ist sie damit nicht: „2020 war ein verlorenes Jahr – wegen Covid.“ Das Coronavirus hat vielen in Taiwan ihre Lebensfreude geraubt. Zehntausende Deutsche haben ihre Ferien in Griechenland, Kroatien oder den Kanaren verbracht. Taiwan, die Insel mit einer Fläche so klein wie Baden-Württemberg, hat seit Februar so gut wie niemand mehr verlassen.

Unbeschwert zu reisen – vielleicht mit mir auf dem Motorrad nach England –, für Audrey fühlt sich das an wie eine Utopie. Die Sorge vor der Pandemie ist in Taiwan, wo sie nicht wütet, weiter allgegenwärtig. Wie in einer Zeitblase fühlt sich Audrey gefangen – in einer Welt frei von Covid, aber fernab von der früher so greifbaren Gelegenheit, ins nahe Osaka oder ferne Berlin zu fliegen.

Joane Studnik ist Autorin.

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