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Von: Maren Urner

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„Rettet das Leben der Afghanen“: Protest in Washington, DC.
„Rettet das Leben der Afghanen“: Protest in Washington, DC. © LIZ LYNCH/AFP

Verantwortung ist nicht, rückblickend Fehler zu suchen. Vielmehr geht es um die Frage: Was jetzt? Die Kolumne.

Diese Katastrophe ist unter Bidens Verantwortung geschehen.“ So fasst die Zeitung „Die Welt“ die internationale Presse zur Lage in Afghanistan zusammen, nachdem das „Afghanistan-Debakel“ am Vortag mit „Merkels Verantwortung“ betitelt worden war. CSU-Chef Söder kommentiert die aktuellen Umfragewerte der Union: „Die Verantwortung für die Umfragen liegt nicht in Bayern.“ Zum Stand des Ermittlungsverfahren nach der Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz titelt „Der Spiegel“: „Ahrweilers Landrat weist Verantwortung von sich.“

Ständig sprechen, schreiben und diskutieren wir über Verantwortung. Schließlich muss doch jemand die Verantwortung übernehmen. Ob mit Blick auf die globalen Krisen, Konflikte und Katastrophen, das geplatzte Projekt im Job oder die Leere im häuslichen Kühlschrank.

So ist Verantwortung in den kleinen und großen Debatten unseres Lebens vor allem eins: die Suche nach Sündenböcken oder -zicken. Verantwortung übernehmen mutiert zum Synonym fürs Geradestehen für die eigenen oder fremden Fehler, gern gepaart mit eiligen Entschuldigungen, kurzfristigen Kündigungen oder rigorosen Rücktrittsforderungen. Kein Wunder, dass wir so ungern Verantwortung übernehmen und uns allzu gern aus der Verantwortung stehlen wollen.

Irgendwie haben wir uns daran gewöhnt, dass die Antworten, die wir im Zuge des Ver-antworten geben und von anderen erwarten, rückblickend sind. Irgendetwas ist schiefgelaufen. Nun gilt es, die Schuldfrage zu klären. Muss das so sein? Nein! Als Kind habe ich gelernt, dass Verantwortung nicht Bürde, sondern Privileg ist, dass sie nicht nach Schuldbekenntnissen sucht, sondern Handlungsspielräume öffnet. Wie stolz war ich, als ich erstmals die Verantwortung für das Kaninchen einer Freundin erhielt, die es mir während ihrer Urlaubsreise anvertraute.

Da liegt der Unterschied: Ich lernte Verantwortung als etwas kennen, das nicht rückblickend auf Fehlschlüsse und Fehler schaut, sondern als etwas, das den Blick nach vorn erfordert und fragt: was jetzt? Wie können wir es besser machen? Ich lernte Verantwortung als etwas kennen, das mit Vertrauen zu tun hat, weil nicht jede oder jeder zu jeder Zeit für alles Verantwortung übernehmen kann. Das mag zunächst ein Schlag ins Gesicht für alle Freiheitskämpfer:innen sein, offenbart sich aber bei den vermeintlich einfachen Konsumentscheidungen, die wir alle täglich treffen.

Ich kann nicht die Verantwortung für alle Zwischenstationen der Lieferkette meines Schokoriegels übernehmen. Ich kann nicht verantworten, welche Schutzmaßnahmen gegen kommende Fluten die besten sind, kann nicht die Verantwortung für die Ausgaben und Einsätze der Bundeswehr tragen. Dazu fehlen mir Kraft, Wissen und Zeit.

Immer dann, wenn ich als Individuum aus einem Mix eben dieser Gründe keine Antworten geben kann, bin ich auf andere Menschen angewiesen. Ich bin darauf angewiesen, dass sie und ich gemeinsam verantwortungsvolle Strukturen aufbauen und pflegen.

So gesehen liegt genau hier das Erfolgsrezept der Spezies Mensch: Wir können nicht besonders schnell rennen, haben keine Reißzähne, keine Flügel oder Klauen. Wir kooperieren, wir verteilen Aufgaben und Verantwortung.

Deshalb brauchen wir Menschen – zum Beispiel in Gestalt von Politiker:innen –, die mit Mut, Neugier und Stolz Verantwortung übernehmen. Genau wie ich damals mit Blick auf das Kaninchen. Wir brauchen keine Machthaber:innen, sondern Antwortgeber:innen.

Maren Urner ist Professorin für Medienpsychologie und Neurowissenschaftlerin.

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