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„Schritt für Schritt zurück zur neuen Normalität.“
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„Schritt für Schritt zurück zur neuen Normalität.“

Kolumne

Ganz normal verrückt

  • Maren Urner
    VonMaren Urner
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„Zurück zur neuen Normalität“ – was könnte das heißen? Sicher nicht, dass wir da landen, wo wir schon waren. Die Kolumne.

Menschenleer und hellgrau. Trostlos und traurig. Der Gang, der sich vor mir auf tut, wirkt kilometerlang. Obwohl wenige Schritte ausreichen, um am letzten Gleisaufgang anzukommen. Nach etwas Farbe suchend, landet mein Blick vor meinen Füßen. Dort steht auf rotem Grund in großen weißen Buchstaben: „Schritt für Schritt zurück zur neuen Normalität.“

In meinem Kopf blättere ich wie in einem Daumenkino durch die Bilder „normaler“ Bahnhöfe, wie wir sie alle kennen. Trubelig und bunt. Laut und unübersichtlich. Statt eines geraden Weges ein Slalomlauf um sich bewegende Slalomstangen in Form von Reisenden mit Coffee-To-Go-Bechern, Brötchentüten und Smartphones in den Händen. Bis März 2020 war das unser Bild vom „normalen“ Bahnhof. Ein-, aussteigend und auch mal wartend wusste ich stets, was mich erwartet.

Dann kam Corona und hat das Bild verrückt. Jetzt fällt mir der Schriftzug am Boden auf, weil er nicht von Füßen verdeckt ist, die ihren normalen Weg gehen. Jetzt scheint es fast, als höre ich meine Gedanken im menschenleeren Gang widerhallen, weil die Stille normal geworden ist. Jetzt stehe ich mit maximaler Distanz zu den wenigen anderen Reisenden am Gleis, weil Abstandhalten normal geworden ist.

„Schritt für Schritt zurück zur neuen Normalität.“ Ich sitze im Zug und schaue in meinem Smartphone auf das Foto des Schriftzugs. Ich weiß nicht mehr, wann ich das erste Mal die kindlich-naive Frage stellte, was denn eigentlich „normal“ sei. Ich weiß auch nicht mehr, wann ich begann, Menschen kritisch zu hinterfragen, wenn sie mir etwas von „Normalzuständen“ und „normalem Verhalten“ erzählten. Oder wenn sie gar versuchten, mich mit einem „Das ist doch nicht (mehr) normal!“ zurechtzuweisen. Ich weiß auch nicht mehr genau, wann ich das erste Mal eine Normalverteilung im Matheunterricht gesehen habe und verstand, dass „normal“ immer durch die Umgebung bestimmt wird.

Mittlerweile weiß ich: Was „normal“ ist, hängt immer davon ab, was jetzt und hier relativ häufig ist. Normal sind die Werte, die in der Normalverteilung liegen. Mittlerweile weiß ich: Normal ist das, was nicht verrückt ist. Im Januar 2020 war es (mindestens kurz vor) verrückt, im Zug eine Maske zu tragen. Im Januar 2021 ist es normal, Mund und Nase zu bedecken.

Mittlerweile weiß ich: Normal ist das, was wir kennen. Egal, ob es um Bahnhöfe oder unsere Vorstellung vom „Wir“ geht. Wie dynamisch Letztere ist, zeigte jüngst ein internationales Forscher:innenteam: Je diverser unsere Umgebung, desto weniger denken wir in Stereotypen. Im Gegensatz zu den Forscher:innen finde ich die Ergebnisse keineswegs „paradox“, sondern sehe in ihnen einen weiteren Beleg dafür, wie dynamisch unsere Vorstellung von „normal“ ist. Je bunter unsere Umgebung, desto größer die Spannbreite von „normal“ und „Nicht-einem-Stereotype-entsprechend“.

Eine „neue Normalität“ entsteht also immer durch ein Ver-rücken. Corona hat vieles verrückt. Die Klimakrise wird noch viel mehr verrücken. Darum müssen wir aufhören, „zurück“ zu wollen zu einer Normalität, die längst der Vergangenheit angehört. Wir müssen vorwärts wollen. Vielleicht müssen wir dafür nicht nur mutig sein, sondern auch ein wenig ver-rückt.

Am nächsten Tag bin ich wieder auf dem Weg zum Bahnhof, als ich folgendes Zitat von Georg Christoph Lichtenberg zugeschickt bekomme: „Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser werden wird, wenn es anders wird. Aber so viel kann ich sagen: es muss anders werden, wenn es gut werden soll.“ Der berühmte Physiker und Philosoph des 18. Jahrhunderts war von Geburt an nicht normal. Buckelig und klein. Seine zunehmende Wirbelsäulenkrümmung sorgte dafür, dass er immer schlechter atmen konnte. Heute gilt er als einer der wichtigsten Aufklärer.

Maren Urner ist Professorin für Medienpsychologie und Neurowissenschaftlerin.

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