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Für seine Ablehnung, Kinder impfen zu lassen, musste sich der Populärphilosophierende Precht mit viel Gegenwind auseinandersetzen. (Symbolbild)
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Für seine Ablehnung, Kinder impfen zu lassen, musste sich der Populärphilosophierende Precht mit viel Gegenwind auseinandersetzen. (Symbolbild)

Kolumne

In unser angeblich so sensiblen Gesellschaft werden Empfindsame marginalisiert

  • VonJoane Studnik
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Sind wir zu sensibel und deshalb zu gereizt, um über die richtigen Themen zu diskutieren? Die Kolumne.

Svenja Flaßpöhler und Richard David Precht: Die beiden Populärphilosophierenden haben sich zuletzt mit fragwürdigen Aussagen zur Corona-Impfung rauen Gegenwind eingefangen. In einer Rechtfertigung für seine Ablehnung, Kinder impfen zu lassen, beklagte Precht in der Wochenzeitung „Die Zeit“, wir „leben in einer Gesellschaft, die so sensibel ist wie nie“.

Die heftigen Reaktionen auf seine strittigen Ansichten sind nach Ansicht des Philosophen offenbar Ausdruck einer übersteigerten Sensibilität, die in Intoleranz umschlage. Sensibilität als eines der großen Probleme unserer hypernervösen Zeit?

Diesen Impuls hat Precht offenbar aus Svenja Flaßpöhlers jüngstem Essay „Sensibel“ gewonnen, wie er in seinem Podcast mit Moderator Markus Lanz andeutete. Hochsensibilität ist für Flaßpöhler das Phänomen unserer Zeit, welche die Chefredakteurin des „Philosophie Magazins“ als äußerst gereizt erlebt: Sprachverbote, Beleidigtsein, kulturelle Aneignung, Gendern.

Sie ahnen schon: Die Fraktion „Man wird doch wohl noch sagen dürfen“ kommt auf ihre Kosten. Ausgerechnet die poststrukturalistische Philosophin Judith Butler wird bei Flaßpöhler im gedankenakrobatischen Versuch vereinnahmt, das generische Maskulinum zu retten.

So könnten sich ja geschlechtliche Minderheiten mit ihren erklärten Feinden darauf verständigen, den Sinn des generischen Maskulinum quasi geschlechtsneutral umzudeuten. So weltfremd das klingt, genderkritischen Leserinnen und Lesern liefert Flaßpöhler unverhoffte Argumente gegen die Verwendung von geschlechtersensibler Sprache.

Äußerst irritiert dürften Lesende sein, über deren psychische Beschaffenheit Flaßpöhler viel zu wissen meint: Hypersensible. Flaßpöhler zitiert aus dem Standardwerk der Psychologin Elaine N. Aron, die den Anteil Hypersensibler an der Bevölkerung großzügig auf 15 bis 20 Prozent schätzt.

Daraus folgert die Autorin, gestützt auf viele philosophiegeschichtliche Quellen, es handele sich um ein gesellschaftliches Problem: Eine hypernervöse Gesellschaft schafft ihrer Auffassung nach hypersensible Menschen.

Als Grenzfall zur Hypersensibilität bin ich mir indes sicher, so auf die Welt gekommen zu sein – die auf meine psychische Beschaffenheit wenig Rücksicht nahm. Ich kann mich noch gut daran erinnern, als kleines Kind Sätze und Emotionen wahrgenommen zu haben, die andere überhörten.

Radiogedudel und Fernseher im Hintergrund befeuerten für andere eine angeregte Unterhaltung oder motivierten bei der Arbeit. Mir fehlt die Fähigkeit, diese als penetrante Störgeräusche wahrgenommenen Hintergrundimpulse auszublenden. Hypersensibilität: eine Gabe und ein Fluch zugleich. Ohne die von Flaßpöhler ulkigerweise eingeforderte Resilienz kämen Hypersensible niemals unbeschadet durch Alltag und Berufsleben.

Flaßpöhlers unfreiwilliger Verdienst ist, mit vielen Referenzen zu verdeutlichen, dass die unsensible Vereinnahmung der Empfindsamen als Metapher für gesellschaftliche Phänomene eine lange unselige Tradition in der Philosophie hat. Diese hat dazu beigetragen, Hypersensible, die es selbstverständlich schon vor Jahrtausenden in vielerlei Kulturen gegeben hat, unsichtbar zu machen.

Gerade in unser angeblich so sensiblen Gesellschaft werden Empfindsame auf eine Weise marginalisiert, die mitunter sadistische Züge trägt. Übrigens: Sensible haben keine Lobby, sie demonstrieren nicht für ihre Belange und sind trotz aller, meist privat organisierten Hilfsangebote so gut wie immer auf sich alleine gestellt.

Joane Studnik ist Autorin.

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