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Früher war mehr Detail

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Von: Richard Meng

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Modern sind Koalitionen mit bewusster innerer Machtteilung.
Modern sind Koalitionen mit bewusster innerer Machtteilung. © Michael Kappeler/dpa

Der Journalismus hat sich verändert. Chronistinnen und Chronisten sind heutzutage weniger gefragt. Die Kolumne.

Der angesehene alte Journalist ist durchaus beunruhigt. Neulich hat er sich im Zuge einer Recherche mal wieder alte Artikel angesehen, darunter eigene. Und es hat sich da ein Urteil bestätigt: Früher wurde sehr viel detaillierter berichtet.

Er war bekannt für seine feingliedrigen, detailgenauen Nachzeichnungen politischer Entscheidungsprozesse. Wer hat wann wem was gesagt? Was genau passierte hinter den verschlossenen Türen, wie genau kam es zu Entscheidungen?

Bei ihm als Chronisten fand man das. Keine aufgeblasenen Storys, keine Sprachgirlanden. Einfach die Fakten. Ob es die Leute so genau interessierte? Das trieb ihn nicht wirklich um. Sein Job war Journalismus. Möglichst tief reinschauen in die verdeckte Welt. Und aufschreiben.

Nun hat sich um ihn herum schon lange was verändert. Der kontinuierlich das Politikgeschäft begleitende Journalismus schrumpft. Auch das Publikum zuckt eher auf personalisierten Tageskrach. Die betuliche Trennung von Bericht und Meinung hat sich oft aufgelöst zugunsten internetfähiger Storys entlang dessen, wie gerade alle so die Dinge sehen – mehrfach täglich aktualisiert. Fehlt da wirklich, was kaum jemand vermisst?

Die eine mögliche Antwort ist, dass Detailliertes zur Sache nun mal von gestern ist. Deshalb lieber Befindlichkeitsberichte. Aber es gibt eine zweite mögliche Antwort. Sie ist nicht beruhigender. Kann es sein, dass es die alten innerparteilichen Kämpfe, den Kampf der politischen Generationen um Inhalte und Karrieren so ausgiebig wie früher vielleicht gar nicht mehr gibt?

Modern sind Koalitionen mit bewusster innerer Machtteilung. Die FDP bekommt die Schuldenbremse, die Grünen das Klimaprogramm und die SPD den Mindestlohn. Kein Partner steht hinter allem, was die Regierung tut, aber sie schweigen im Interesse ihrer eigenen Goodies. Unterschiedliches wird nicht mehr zusammengeführt.

Wenn dann etwas bei den eigenen Leuten aus dem Ruder lief – siehe das Schonvermögen beim Bürgergeld –, wird es von oben kurz vor Toresschluss korrigiert, ohne dass jemand aufschreien würde. Wo das „Teile und herrsche“ regiert, kann man sich im Wissen um die eigene Begrenztheit den Kampf ersparen. Wenn letztlich doch alles von einer Handvoll Spitzenleuten entschieden wird, gilt der detaillierte Blick auf Interna kaum mehr als wichtig.

Ungeniert hatten zum Bürgergeld die Parteispitzen dem Vermittlungsausschuss von Bundestag und Bundesrat das Verhandlungsergebnis zum Bürgergeld vorgegeben. Wer muss sich dann noch die Mühe machen, dem Publikum zu erklären, was ein Vermittlungsausschuss ist? Oder berichten, wer dort was sagte? Oder an die faktisch nicht vorhandene Unabhängigkeit des Gremiums erinnern? Ein Beispiel dafür, wie sich im Journalismus spiegelt, was im System passiert. Und umgekehrt.

Wie sind die Machtverhältnisse innerhalb der CDU/CSU-Fraktion, zumal wenn es um bayuwarischen Populismus geht? Worin zeigt sich noch der einst wie angeborene Rechts-links-Konflikt in der SPD? Wie entwickelt sich bei Grünen und FDP das Spannungsverhältnis Führung–Basis angesichts einer Koalition, die im Gefühl kaum zusammengehört?

Der angesehene alte Journalist mag bei solchen Fragen, die kaum mehr jemand stellt, ein paar Tränen der Wehmut verdrücken. Aber er wird stur dabei bleiben, dass Verantwortung von Chronisten nie geschmacksabhängig sein darf.

Es ist dies eine Geschichte übers Politik-Erleben, von innen wie von außen. Über Leerstellen, die nur erkennt, wer sich ernsthaft interessiert. Wer nach Betrachtung der Oberfläche immer noch neugierig ist.

Richard Meng ist freier Autor und Kuratoriumsvorsitzender der Karl-Gerold-Stiftung.

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