Seitdem Israels Corona-Krisenstab die zweite Lockerungsphase eingeläutet hat und die Geschäfte wieder aufmachen dürfen, zieht es die Massen auf die Straßen.
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Seitdem Israels Corona-Krisenstab die zweite Lockerungsphase eingeläutet hat und die Geschäfte wieder aufmachen dürfen, zieht es die Massen auf die Straßen.

Kolumne

Frischluft

  • Inge Günther
    vonInge Günther
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Das Bedürfnis, nach Beginn der Lockerung in Israel unter Menschen zu sein, ist enorm nach dem elendlangen Rumhocken daheim. Die Kolumne.

Noch vor einer Woche schien die Jaffastraße so ausgestorben wie zu schlimmsten Intifada-Zeiten. Damals mieden die Leute die Innenstadt im Westen Jerusalems aus Angst, irgendwo könne eine Bombe hochgehen. Das ist zum Glück lange her. Aber zwei Monate strenger Lockdown haben ihnen auch so gereicht.

Seitdem letzten Sonntag Israels Corona-Krisenstab die zweite Lockerungsphase eingeläutet hat und die Geschäfte wieder aufmachen dürfen, zieht es die Massen in die Fußgängerzone, als gäbe es kein Morgen. Bis hoch zum Mahane-Jehuda-Markt wimmelt es von Menschen, maskierten, versteht sich. Wer sich ohne erwischen lässt, wird auch hierzulande abkassiert wie beim Falschparken im Halteverbot.

Ein paar neue Küchenutensilien könnte ich schon gebrauchen, schrecke allerdings davor zurück, mich in die schier endlose Warteschlange vor dem schicken Einrichtungsladen einzureihen. Vier Kund:innen pro Verkaufsraum sind maximal erlaubt, das kann dauern.

Es ist nicht mal so, dass man von einem Konsumrausch sprechen könnte. Dazu fehlt vielen das Geld. Die meisten schlendern auf und ab, holen sich ein Eis, bestaunen die Auslagen. Das Bedürfnis, sich unter realen Leuten zu tummeln, ist enorm nach dem elendlangen Rumhocken daheim. Weder Online-Shopping noch all die digitalen Kommunikationskanäle können es mit dem Straßenleben aufnehmen.

Aber die Zoomkonferenz zur künftigen US-Politik in Bezug zum Iran-Konflikt will ich natürlich nicht verpassen. Media Central, eine israelische Journalistenorganisation, hat dazu eingeladen, aber angemerkt, wer nicht tatsächlich teilnehme, bekomme auch keinen Link zum Video-Recording gemailt.

Bisweilen war das ganz praktisch, es bei der Anmeldung zu belassen, um sich irgendwann, wenn’s passt am Abend, die Aufzeichnung anzuschauen. Das dachten offenbar so viele Kolleg:innen, dass bei der Live-Schalte zuletzt kaum eine(r) da war, um Fragen zu stellen. Unangenehm für die Veranstalter und ebenso für die meist namhaften Expert:innen.

Nichts gegen zoomen. Es hat seinen Reiz, gebe ich zu, überall, ob gerade in Berlin oder Jerusalem, Pressekonferenzen bequem vom Laptop zu verfolgen. Der kann schließlich überall stehen, im Büro, neben dem Bett, in der Küche. Ein Jerusalemer Professor erzählte mir dieser Tage, er habe im Zoom-Seminar mit Studentinnen und Studenten nebenher, im Abseits des Kameraauges, auch schon mal Gemüse geschnippelt. Sage einer, Männer könnten sich immer nur auf eine Sache konzentrieren.

Sorry, ich schweife ab. Eigentlich wollte ich ja möglichst nichts schreiben, was mit Pandemie, dem US-Wahlausgang und dem Fall-out auf das persönliche Verhalten zu tun hat. Nur, in meinem Jerusalemer Bekanntenkreis wird derzeit kaum anderes diskutiert, wenn auch aus nahöstlicher Perspektive.

Kommt angesichts der grassierenden Unvernunft – verwiesen wird da gerne auf „die Araber“ und „die Haredim“, die ultrafrommen Juden, die es mit den Abstandsregeln nicht so genau nähmen – als Nächstes eine nächtliche Ausgangssperre, wie sie „Bibi“, so der Spitzname des israelischen Premiers, befürwortet? Oder geht es ihm mehr um die eigene Nachtruhe, die von den neuen Protestrufen vor seiner Residenz – „heute Trump, morgen Netanjahu“ – gestört wird?

„Man wird sehen“, wird am Ende solcher Debatten unisono geseufzt. „Themawechsel“, sagt der Gastgeber und reißt die Fenster noch weiter auf. „Wir brauchen Frischluft.“

Inge Günther ist Autorin.

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