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Freude verlängern - durch Warten

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Von: Petra Kohse

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Ein Lagerarbeiter beim Versandhändler Amazon.
Ein Lagerarbeiter beim Versandhändler Amazon. © dpa/(Symbolbild)

Wer jetzt noch kein Geschenk für Weihnachten hat, braucht auch keines mehr. Ein Gutschein reicht.

Und, haben Sie schon alle Geschenke? Selbst gekauft, nach Listen, die Sie sich vorher gemacht haben? Oder mehr im Trüffelsucher-Verfahren bei viel zu vielen Einkaufstouren? Ach, Sie waren online Shoppen, um Stress zu vermeiden? Wer könnte es Ihnen verdenken!

Das Konzept digitalen Kaufens nähert sich ja mit großen Schritten ohnehin dem Live-Erlebnis. Nicht nur, weil manche Händlerwebsites versprechen, bis Heiligabend auszuliefern, wenn man bis zum Mittag des 23.12. bestellt hat.

Sondern auch, weil der Klick, der den Kauf abschließt und nach dem es bisher stets eine bestätigende E-Mail gegeben hat, inzwischen zum Startschuss eines nicht nachlassenden Anströmens von Benachrichtigungen geworden ist, die die Aufmerksamkeit bis zum Empfang der Ware in Geiselhaft nehmen.

Die Bestellung ist eingegangen, die Bestellung wird bearbeitet, die Waren werden zusammengetragen, jetzt übrigens gerade verpackt, zur Abholung bereitgelegt, abgeholt, in eine Zentrale gebracht, lagern dort eine zusätzliche Nacht, man möge entschuldigen, werden in ein Zustellauto gebracht, nähern sich, sind jetzt gleich da, hat man noch Änderungswünsche bei der Zustellung?

Nein, man ist zuhause, bereit, im angekündigten Auslieferungsfenster zwischen 11.47 und 12.04 die Tür zu öffnen, hat schon den Finger auf dem Drücker, bis eine neue E-Mail zum Schreibtisch zurückruft: die Sendung wurde soeben beim Nachbarn abgegeben.

Wobei letzteres nicht das Problem ist. Die Sendung darf gern woanders abgegeben oder hinterlegt werden, sie darf von mir aus selbst zu Weihnachten ein paar Tage länger brauchen. Auch die Heiligen Drei Könige haben es schließlich erst am 6. Januar zum Jesuskind geschafft mit ihren Gaben. In Spanien findet die Bescherung deswegen auch erst zu diesem Termin statt, was zu Heiligabend Ruhe und in Einkaufsdingen einen beneidenswerten Zeitvorteil verschafft.

Das Problem ist vielmehr die Infamie des Versandhandels, eine Spam-Strategie als Service zu tarnen und dadurch eine Beschleunigung zu simulieren, die weder notwendig noch ethisch vertretbar ist. Man weiß ja, unter welch prekären Bedingungen Paketboten und -botinnen arbeiten.

Ein jüngstes Plädoyer für Menschenwürde im Versandwesen ist der in den letzten Tagen im Internet viel geteilte Reddit-Beitrag eines Mannes (Wood_6), der für vier Wochen Amazon-Pakete ausgefahren hat. Ja, die Quasi-Echtzeit-Lieferung ohne Portokosten, mit deren Versprechen Großhändler Kunden fangen, wird durch die Praxis der Akkordauslieferung zu Mindestlohn und mit unbezahlten Überstunden finanziert. Und doch versucht die Dauerberieselung mit Versandinformationen das Käufer:innen-Gewissen mit der Hoffnung zu schmieren, alles liefe reibungslos, quasi von selbst, sei überdies transparent, ja nachgerade gläsern. Ist es nicht.

Am Ende seines Reddit-Beitrags bittet Wood_6, Boten doch einfach mal entgegenzukommen aus einem höheren Stockwerk, wenn man das Paket schon nicht an eine Abholstation liefern lassen kann. Ihnen Trinkgeld zu geben. Und sich nicht über sie zu beschweren. Sondern (sage jetzt ich) vielleicht stattdessen über den Spam.

Und alle miteinander könnten wir jetzt sofort das Bestellen einstellen bis nach Weihnachten. Wer jetzt kein Geschenk hat, braucht auch keines mehr. Ein Gutschein reicht auch und verlängert die Freude durch etwas ganz selten gewordenes: durch Warten.

Petra Kohse ist Theaterwissenschaftlerin, Kulturredakteurin, Buchautorin und Heilpraktikerin für Psychotherapie.

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