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Die Corona-Pandemie dringt tief in unser Unterbewusstsein ein - wie dunkle Wolken, die sich über dem Bett zusammenziehen.

Kolumne

Fremde Mächte im Schlafzimmer

  • Michael Herl
    vonMichael Herl
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Geübte können Träume steuern. Es ist dann wie in einem Restaurant. Man kann die Schärfe von eins bis fünf wählen.

Eigentlich war ich schon immer anders als all die anderen. Aber das wird Sie gewiss nicht interessieren. Ein kleines Detail vielleicht. Ich war nämlich schon immer ausgiebig verträumt und mit einer reichhaltigen Fantasie ausgestattet. Das klingt zwar gut, grenzt aber in Wahrheit an eine ausgeprägte Alltagsuntüchtigkeit.

So bin ich bis heute zu etlichen Selbstverständlichkeiten unfähig, beherrsche aber im Gegenzug jede Menge Unnötigkeiten. Ersparen Sie mir bitte Beispiele. Denn würde ich einige anführen, schlüge Ihre insgeheime Bewunderung schlagartig in Mitleid um. Glauben Sie mir das, ich kokettiere nicht.

Doch ein kleines Detail vielleicht. Träumen nämlich konnte ich schon und kann ich noch immer auf Knopfdruck. Ich muss mir nur ein Thema aussuchen, und schon bin ich weg. Bei Tag und bei Nacht, schlafend oder wach. Mehr noch. Ich kann sogar Träume steuern, die ich nicht bestellt habe, die ganz von alleine kommen. Das hat Vorteile.

So fiel mir unlängst auf, wie tief die Corona-Pandemie in unser Unterbewusstsein eindringt. Ich bemerkte nämlich im Schlaf, wie sich langsam ein Alptraum aufbaute. Da ziehen sich dunkle Wolken über dem Bett zusammen, die Luft im Schlafzimmer beginnt zu flirren, in der Ferne hört man ein dumpfes Grollen, das immer näherkommt.

Au fein, dachte ich mir, ein Alptraum. War lange nicht mehr im Angebot. Ich war gespannt, was er wohl zu bieten hätte, und bestellte die Heftigkeitsstufe drei. Geübte Träumer wissen, das ist wie mit den Schärfegraden beim indischen Essen, man kann wählen von eins bis fünf. In einem unbekannten Lokal ist man erst mal etwas vorsichtig, nachwürzen kann man immer. So verhielt ich mich bei diesem Alptraum. Er war mir nicht recht geheuer. Ich sollte recht behalten. Denn beinahe geriet er mir außer Kontrolle.

Er begann nach gängigem Muster. Fremde Mächte arbeiteten sich die Treppen herauf, brachen mit lautem Getöse meine Wohnungstür auf. Der Alptraum war sauber gearbeitet, mir gruselte ein wenig. Ich war gespannt auf den Fortgang. Die blutlüsterne Truppe bestand aus mehreren Tausend Schergen. Sie verharrten schnaufend und scharrend in meinem Flur und schickten den Brutalsten zu mir ins Schlafzimmer. Er stapfte langsam auf mich zu. Ein Riese, schwarz gekleidet, bewaffnet mit mehreren Hieb- und Stichwaffen. Während sie draußen ein martialisches Lied anstimmten, blieb er vor mir stehen, schwang eine riesige Machete, blickte mir tief in die Augen – da erkannte ich ihn. Es war mein Freund Jürgen!

Jürgen, mit dem ich eben noch in der Kneipe saß! Ich startete eine Blitzdeutung dieses Alptraums und befand, dass Corona Schuld sei. Man beginnt, im Unterbewusstsein sogar besten Freunden zu misstrauen. Sie könnten schließlich das Virus tragen. Doch nicht mit mir, mein Freundchen, dachte ich mir. Geistesgegenwärtig griff ich in die Trickkiste für fortgeschrittene Träumer, verwandelte die schlechte Energie in gute Energie – und plötzlich stand da nicht mehr Jürgen vor mir, sondern Anja.

Sie lächelte ihr schönstes Lächeln, tänzelte auf mich zu – und trug keinen Kampfanzug, sondern etwas ganz anderes. Und das nicht mehr lange. Es wurde ein wunderschöner Traum. Ich habe ihr das noch gar nicht erzählt. Vielleicht liest sie es ja.

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