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Fremd sein

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Von: Harry Nutt

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Der aus Algerien stammende französische Philosoph Jacques Derrida glaubt, dass kein Gedanke und kein Konzept in Reinform vermittelt werden kann. Deshalb sei keine objektiv wahre Interpretation von Texten möglich. (Archivbild von Mai 2000)
Der aus Algerien stammende französische Philosoph Jacques Derrida glaubt, dass kein Gedanke und kein Konzept in Reinform vermittelt werden kann. Deshalb sei keine objektiv wahre Interpretation von Texten möglich. (Archivbild von Mai 2000) © Avikainen/dpa

Der Philosoph Derrida wird derzeit als Kronzeuge einer politischen Bewegung aufgerufen. Das hätte ihn sicher befremdet. Die Kolumne.

In einem der vielen Texte zum Antisemitismus bei der Documenta irritierte mich unlängst ein Nebensatz, durch den der französische Philosoph Jacques Derrida en passant zum Theoretiker des Postkolonialismus erklärt wurde. Richtig ist, dass er großen Einfluss auf jene Theorie hatte, die heute unter dem Stichwort „postcolonial studies“ verhandelt wird und die nun hitzige gesellschaftspolitische Debatten hervorrufen.

Die Kasseler Documenta droht gerade daran zu zerbrechen. Grundfalsch aber wäre es, Derrida deshalb gleich dieser Denkrichtung zuzuschlagen, obwohl er und seine Familie durch koloniale Machtverhältnisse geprägt wurden.

Jacques Derrida wurde 1930 als Kind assimilierter sephardischer Juden in Algerien geboren. Im Alter von zwölf Jahren wurde er dort mit der traumatischen Erfahrung konfrontiert, dass seiner Familie wie allen algerischen Juden vom faschistischen Vichy-Regime die französische Staatsbürgerschaft aberkannt wurde und der Junge danach auch nicht mehr die französische Schule besuchen durfte.

In einer einfachen Lesart kann man dieses biografische Ereignis als früh erlittene Form von Antisemitismus beschreiben, die für Derrida zugleich aber eine doppelte Fremdheitserfahrung enthielt. Als Schüler wurde er wegen seiner religiösen Zuschreibung nicht nur ausgegrenzt, er zog sich auch zurück. Er mochte sich nämlich nicht damit abfinden, fortan auf eine jüdische Schule gehen zu müssen, und wurde zum Schulschwänzer.

Man könne sagen, so der Derrida-Kenner Onur Erdur in einem Gespräch mit dem Sender Deutschlandradio Kultur, dass Derrida in dem Moment auch sein Jüdischsein geschwänzt habe. Ausgrenzung erzeugt nicht nur Ohnmachtsgefühle, sondern macht auch sensibel.

Wenn Jacques Derrida sich später wiederholt als jüdisch, arabisch oder franko-maghrebinisch bezeichnet habe, so Erdur, sei dies bereits eine Art spielerischer Umgang mit Identitätskonstruktionen gewesen, die unmittelbar Einfluss auf den für Derrida so bedeutenden Begriff der Dekonstruktion haben.

Das Unbehagen an Zugehörigkeit und Identifikation finde sich auch in Derridas Werk wieder. Umso kurioser ist es, dass Derrida für identitätspolitische Positionskämpfe und Festlegungen herangezogen wird. Als Denker der Differenz, für die er die eigene Wortprägung „differance“ gefunden hat, um im Ringen um Bedeutung die Verschiebungen zu markieren, hätte er es vermutlich befremdlich gefunden, als Kronzeuge in politischen Bewegungen aufgerufen zu werden.

Mit einem Soziologen, der vor einem halben Jahrhundert mit mir im selben Ort aufgewachsen ist, habe ich mich kürzlich über eine gemeinsame Fremdheitserfahrung verständigt. Die darin bestand, dass unsere Eltern keine Einheimischen in dem Ort waren, wir als Zugezogene also nicht richtig dazugehörten.

Vielleicht, so witzelten wir, seien wir gerade deshalb Journalist und Soziologe geworden. Einig waren wir uns darin, dass die bloße Artikulation dieses Fremdheitsgefühls uns in den gegenwärtigen Debatten sogleich verdächtig machen würde, Opfererfahrungen diskreditieren zu wollen. Aber wäre es nicht lohnend zu erfahren, wie viel Energie für ein künftiges Zusammenleben aus schmerzhafter, verschobener, nachwirkender und überwundener Fremdheit hervorgehen kann?

Harry Nutt ist Autor.

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