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Frank-Walter Steinmeier plädiert fürs Pflichtjahr: Der Boomer traut sich was

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Von: Katja Thorwarth

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Der Bundespräsident schlägt einen Pflichtdienst vor und bekommt dafür mehr Beifall, als er verdient. Die Kolumne.

Frankfurt am Main – Da hat Frank-Walter Steinmeier, seines Zeichens Bundespräsident und Nervensäge, mal wieder eine spitzen Idee in die Öffentlichkeit posaunt. Scheinbar in steter Müh, seinem eigentlichen Job als Grüßaugust politisches Gewicht zu verleihen, plädiert er nun für eine „Pflichtzeit“ aka Dienst am Volkskörper, auf dass das Jungvolk endlich mal „aus der eigenen Blase“ herauskomme. „Unserem Land“ täte es doch sicherlich gut, findet Steinmeier, „wenn sich Frauen und Männer für einen gewissen Zeitraum in den Dienst der Gesellschaft“ stellten.

Das kommt einigermaßen staatsmännisch daher, auch wenn einmal mehr lediglich einem neuen Kompensationsprojekt für die desaströse Sozialpolitik das Wort geredet wird. Steinmeier hingegen verweist auf den „Horizont“, den zu erweitern ja wohl Grundbedürfnis eines jeden sein müsse – vor allem, wenn der Präsi pfeift. Ok, der Boomer traut sich was.

Bundespräsident Steinmeier: „Teil der Politikerkaste mit einem Horizont bis maximal zur nächsten Diätenerhöhung.“
Bundespräsident Steinmeier: „Teil der Politikerkaste mit einem Horizont bis maximal zur nächsten Diätenerhöhung.“ © Britta Pedersen/dpa

Richard David Precht findet Steinmeiers „Pflichtjahr“ super

Denn als Teil der Politikerkaste mit einem Horizont bis maximal zur nächsten Diätenerhöhung ist es schon einigermaßen dreist, exakt diejenigen in den Staatsdienst zu zitieren, die in der politischen Agenda der Corona-Jahre kaum stattfanden. Aber immerhin spricht Steinmeier „bewusst“ nicht von einem „Pflichtjahr“; entsprechend können mit einer „Pflichtzeit“ auch nur zwölf Monate gemeint sein.

Ob er weiß, dass das „Pflichtjahr“ 1938 bereits von den Nazis lediglich für junge Frauen eingeführt wurde? Deren Horizont sich einzig bis zum Ehebett und Wickeltisch erstrecken sollte?

Wie dem auch sei, der Berufspolitiker bekommt immerhin Zuspruch von gelehrter Stelle. Gendern-ist-bäh-Philosoph Richard David Precht nämlich findet Steinmeiers „Pflichtjahr“ (R.D.P.) super und sagt „volle Unterstützung“ zu. Ob das der Sache dienlich ist, wird die Zukunft zeigen, jedoch ist Precht sich sicher: „Das wird unserer Gesellschaft viel Gutes tun.“

Berlins Bürgermeisterin Franziska Giffey bringt das Pflichtjahr mit der „Zeitenwende“ in Verbindung.
Berlins Bürgermeisterin Franziska Giffey bringt das Pflichtjahr mit der „Zeitenwende“ in Verbindung. © Annette Riedl/dpa

Auch Franziska Giffey hat so ihre Ideen

Da haben wir sie wieder, die Gesellschaft, die scheint’s nur noch durch Zwangsarbeit von Jugendlichen zu retten sich schickt. Beziehungsweise, bei dem „Star-Philosoph“ („Welt“) müssen auch die Rentner:innen ran, allerdings „zeitlich deutlich reduziert“. Wow, also die Jungen und die Alten und ergo der ganze Schmock, der nicht vernünftig in die Staatskasse einzahlt, möge doch bitte nicht faul auf dem Sofa rumlümmeln, sondern sich gefälligst dienlich erweisen. Das kann Precht natürlich schön tröten, betrifft ihn ja nie und vermutlich sowieso niemand. Aber wenn die Fernsehphilosophie sich mit dem Staatsoberhaupt so eins ist, darf das nicht verschwiegen werden.

Was ebenfalls nicht verschwiegen werden darf, ist die Haltung von Franziska Giffey, aktuell regierende Berliner Bürgermeisterin ohne Doktortitel. „Wir leben in einer veränderten Zeit, und vielleicht gehört zur Zeitenwende, dass jeder junge Mensch ein Jahr seines Lebens für den Einsatz für die Allgemeinheit aufbringt“, lässt sie uns via „Tagesspiegel“ wissen und berichtet neben dem „erweiterten Horizont“ auch von der Erfahrung, die „ein Leben lang bereichert“. Woher sie das weiß, keine Ahnung, aber dass sie den Ukraine-Krieg subtextuell zum „Pflichtjahr“ packt, ist ein Move, der vermutlich besonders ihrem SPD-Kanzler gefällt.

Tatsächlich sollte Giffey jenseits dieses inhaltsbefreiten Wordings in Betracht ziehen, eine „Zeitenwende“ im Jugendkontext an den Klimawandel zu koppeln, und dafür ein Pflichtjahr in Klausur zu gehen. Die Herren Steinmeier und Precht leisten gerne Gesellschaft. (Katja Thorwarth)

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