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Fortschritt der besonderen Art

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Von: Michael Herl

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„Wer hätte noch vor gar nicht so langer Zeit gedacht, dass eine Führungspersönlichkeit aus ihren Råeihen dem chronischen Militarismus verfällt?“, fragt unser Kolumnist mit Blick auf Anton Hofreiter.
„Wer hätte noch vor gar nicht so langer Zeit gedacht, dass eine Führungspersönlichkeit aus ihren Råeihen dem chronischen Militarismus verfällt?“, fragt unser Kolumnist mit Blick auf Anton Hofreiter. © Sven Hoppe/dpa

Lindner bekommt seine Krustentiere, die den Wohlstand erhalten. Özdemir seinen Steuererlass auf Hülsenfrüchte und Haubitzentoni seine Panzer für den Frieden. Die Kolumne.

Eigentlich halte ich Leute, die Sprüche wie „Unter Druck entstehen Diamanten“ raushauen, für kleingeistige Wichtigtuer. Denn sieht man mal vom Keltern und Gebären ab, fällt mir wenig ein, das Druck braucht, um wohl zu geraten.

Und selbst bei Weinen und Kindern weiß man ja nie, was im Laufe der Jahre aus ihnen wird. Womöglich wurden deswegen die sanfte Geburt und das Gravitätskeltern erfunden. Dabei flutschen die Kinder fast von selbst aus dem Muttermund, und der Saft der Trauben rinnt nur durch deren Eigengewicht in die Bottiche. Doch selbst diese beiden Methoden bieten keine Garantie für wonnige Proppen oder edle Tropfen. Doch was ist denn heutzutage noch von Gewähr?

Denken wir doch nur einmal an die Grünen. Wer hätte noch vor gar nicht so langer Zeit gedacht, dass eine Führungspersönlichkeit aus ihren Reihen dem chronischen Militarismus verfällt und unaufhörlich das Wort „Waffenlieferungen“ stammelt – und damit auch in der eigenen Partei nicht nur Gehör findet, sondern sogar Zuspruch erntet?

Dabei sieht Anton „Haubitzentoni“ Hofreiter immer noch aus, als käme er gerade von der Friedensdemo im Bonner Hofgarten. Aber die war 1982 und der kleine Toni zwölfeinhalb. Acht Jahre später wurde er übrigens als wehruntauglich ausgemustert. Somit hat er also keine einschlägigen Erfahrungen am Schießgewehr, aber die haben der Kanzler und die derzeitige Bundesverteidigungsministerin ebensowenig. Warum auch? Im Vorstand des WWF sitzt schließlich auch kein Pandabär.

Anders Cem Özdemir. Der ist Vegetarier und wiederholt schon seit Monaten eine Forderung, die in weiten Teilen der Bevölkerung wesentlich unpopulärer sein dürfte als jene nach Wummen für die Welt. Die Umsatzsteuer auf Obst, Gemüse und Hülsenfrüchte solle „auf null gesetzt“ werden, verlangt der grüne Ernährungsminister und hat dafür gute Gründe.

Die Haushaltskasse von Verbraucherinnen und Verbrauchern würde entlastet, zudem ein Signal gesetzt, dass gesunde Ernährung günstiger ist. Eine prima Idee, doch solange der Finanzminister auf den Namen Christian Lindner hört, wird eher die Sylter Royal von der Steuer befreit. Schließlich ist sie die einzige in Deutschland produzierte Auster und somit ein wachstumsfördernder Wirtschaftsfaktor und gleichsam das inoffizielle Wappentier des Neoliberalismus.

Zwei Forderungen der Grünen; die eine wird erfüllt, die andere nicht. Waffen werden geliefert, Erbsen weiterhin besteuert. Das kann die Partei nicht zufriedenstellen. Doch wie könnte sie es geschickter anstellen?

Da drängt sich der Gedanke an die Sektsteuer auf. Die wurde 1902 zur Finanzierung der kaiserlichen Kriegsflotte eingeführt. Ein feiner Kniff. Da müsste doch auch heute was gehen. Wie wäre es mit einer Currywurststeuer zur Finanzierung der ukrainischen Infanterie?

Dagegen traut sich doch gewiss niemand etwas zu sagen. Womöglich könnte man dann sogar Pommes und Konsorten für abgabefrei erklären – und als Konzession halt auch die Sylter Royal. Das wäre eine Win-Win-Win-Situation.

Lindner bekommt seine wohlstandserhaltenden Krustentiere, Özdemir seinen Hülsenfrüchtesteuererlass und Haubitzentoni seine Panzer für den Frieden. Nun muss man sich noch was für die SPD ausdenken – dann ist wieder Ruhe in Berlin.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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