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Flucht mit Hund und Katze

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Von: Manfred Niekisch

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Eine Frau sitzt mit ihrer Katze nach ihrer Ankunft in Madrid in der Zentrale der NRO Remar.
Eine Frau sitzt mit ihrer Katze nach ihrer Ankunft in Madrid in der Zentrale der NRO Remar. © Cézaro De Luca/dpa

Putins Krieg macht Tierschutz zur humanitären Aufgabe. Auch die vierbeinigen Gefährten der Flüchtlinge müssen gut versorgt werden. Die Kolumne

Mitten in den Großstädten führen sie ein heimliches Leben. Heimlich, aber erfolgreich. Über viele Jahre wurden die Füchse mit praktisch allem bekämpft, was es an Tötungsmöglichkeiten gibt. Sie galten als wichtigste Überträger der Tollwut. Und diese auch für den Menschen gefährliche Krankheit sollte ausgerottet werden, indem man den Fuchspopulationen zu Leibe rückte. Selbst die Vergasung der Jungtiere in den Bauten gehörte zu den gängigen Methoden.

Doch je mehr Füchse der Tötung zum Opfer fielen, desto überraschendere Überlebensstrategien holten sie aus der Trickkiste, die ihnen die Evolution zur Verfügung gestellt hat. So ließ sich die Tollwut also nicht ausmerzen. Erst das großflächige Auslegen von Ködern mit Impfstoff, teils sogar aus Flugzeugen, machte der Tollwut ein Ende. Die Fuchspopulation dagegen hat diese Art der Bekämpfung gut überstanden und findet inzwischen selbst in so manch städtischer Grünanlage einen Lebensraum.

Wie beruhigend, dass die Tollwut in Deutschland seit Jahrzehnten als ausgerottet gilt. Fachleute beziehen dies präziser auf die „terrestrische Tollwut“ und nehmen die Fledermäuse aus. Deren Tollwut-Viren sind jedoch andere und stellen aus einer Reihe von Gründen für den Menschen praktisch keine Gefahr dar. Ein Risiko geht hingegen sehr wohl von Hunden oder auch freilaufenden Katzen aus – sofern die nicht geimpft sind.

Die veterinärmedizinischen Vorschriften sind hier streng, insbesondere bezüglich solcher vierbeinigen Mitbringsel, die mitleidige Menschen in ihren Urlaubsländern spontan von der Straße gesammelt haben.

Durch Putins Krieg in der Ukraine gerät das an sich nüchterne Thema von Tollwut, Impfung und Quarantäne zu höchst emotionaler Aktualität. Bilder, Schicksale, die einem nicht aus dem Kopf gehen, von verzweifelten Menschen auf der Flucht vor den Bomben und dem russischen Militär, vor der ebenso unsinnigen wie brutalen Zerstörung ihrer Heimat.

Nicht einmal das Nötigste können sie mitschleppen. Und doch lugen aus den Taschen und Bündeln, aus der Wärme von Jacken und Mänteln häufig die Köpfe von Katzen und Hunden hervor. Ihre Haustiere, die den Flüchtenden offenbar das Wichtigste sind, wichtiger als alles andere.

Wie groß muss der Schock sein, wenn sie endlich, nach nicht selten tagelanger Reise, auf der sicheren Seite der Grenze anlangen und dort abrupt von ihren tierischen Lebensgefährten getrennt werden. Aus veterinärmedizinischen Gründen, weil in den improvisierten Unterkünften Tiere verboten sind, weil kein Platz ist. Auch viel Einfühlungsvermögen und gute Argumente können nur sehr schwer vermitteln, dass die Trennung unvermeidlich ist. Und immerhin nur vorläufig.

Die Arbeit der Tierheime, welche die mitgereisten Vierbeiner aufnehmen, erlangt so humanitäre Dimensionen. Tierleid zu lindern, gehört zu ihren gewohnten Aufgaben. Doch jetzt geht es darum, bei all dem erlebten Leid den Menschen die Sicherheit zu geben, dass ihre geliebten Tier-Gefährten während der Zeit der Trennung gut versorgt sind. Auch das gehört zur Willkommenskultur.

Manfred Niekisch ist Biologe und früherer Direktor des Frankfurter Zoos.

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