Konrad Duden liegt in Bad Hersfeld auf dem Totenacker. Wahrscheinlich ist er zu verwittert, um sich um die eigene Achse zu drehen.
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Konrad Duden liegt in Bad Hersfeld auf dem Totenacker. Wahrscheinlich ist er zu verwittert, um sich um die eigene Achse zu drehen.

Fließendes Deutsch

Der Duden ist ein Buch, kein Gesetz

  • Volker Heise
    vonVolker Heise
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Sprache ändert sich, einfrieren lässt sie sich nicht. Warum also der Ärger, wenn auch der Duden sich entwickelt? Die Kolumne.

Kaum wird man sentimental, schon wird es schwierig. Vor zwei Wochen sehnte ich mich an dieser Stelle nach Wörtern, die es nicht mehr in den Duden geschafft haben. Manchmal überkommt mich eben die Nostalgie. Dann sehe ich mir auch alte Filme an, wie sie heute nicht mehr gemacht werden. Oder ich lese Romane von Schriftstellern, die zwar erst nach meiner Geburt gestorben sind, aber trotzdem bei Amazon unter „Klassiker“ laufen.

Es ist sowieso erstaunlich, wer alles noch gelebt hat in meinem Geburtsjahr. Thomas Mann zum Beispiel. Allerdings auch Menschen, die man bei den Nürnberger Prozessen vergessen hat.

Aber es soll hier um die Hüter der deutschen Sprache gehen, die mir geschrieben haben. Sie waren der Meinung, der Duden würde erstens das Deutsche verhunzen und ich sei zweitens ihrer Meinung, was nicht der Fall ist. Sie vermuteten auch, dass sich Konrad Duden, der Autor des gleichnamigen Lexikons, beim Anblick der Gegenwart im Grabe umdrehen würde, vielleicht sogar rotieren.

Rotieren ist allerdings kein kerndeutsches Wort, sondern kommt von „rotare“, lateinisch für „im Kreise drehen“. Latein war das Englisch des Abendlands, bevor Englisch das Latein der Gegenwart wurde, nachdem sich das Abendland in zwei Weltkriegen selbst zerlegt hatte.

Anglizismen scheinen das roteste aller Tücher für die Bewahrer der deutschen Sprache zu sein, gleich nach „Sternchen“, dabei weiß man gar nicht so genau, was das eigentlich ist: die deutsche Sprache. Man kann sie jedenfalls nur schwer einfrieren. Tatsächlich dürfte sie eher ein fließendes Gebilde sein, das von den Zeitläuften geformt wird. Wörter kommen und gehen, die Grammatik ändert sich, niemand spricht mehr wie vor fünfzig oder hundert Jahren, als „knorke“ zum Sprachschatz der Jugendlichen gehörte und nicht im Altenheim „Sonnenschein“ des DRK gemurmelt wurde.

Niemand dürfte diesen Umstand besser gekannt haben als Konrad Duden selbst. Duden hat aus einer Reihe von Dialekten eine Art Neusprech (Orwell) entwickelt, das Ende des 19. Jahrhunderts als deutsche Sprache verkauft wurde. Es war eine Art Zwangsjacke, die den Einwohnern der jungen und zusammengewürfelten Nation dabei half, sich zu verständigen. Wer auf seinem Dialekt beharrte, bekam es schnell mit seiner Diktatur zu tun.

Ich zum Beispiel wuchs mit Plattdeutsch auf. Das war keine gute Idee, wenn man Abitur machen wollte, denn da galt der Duden. Nach der ersten Sechs im Diktat wurde zu Hause nur noch Hochdeutsch gesprochen. Plattdeutsch höre ich heute kaum noch, nicht einmal in meinem Geburtsort: kulturelle Flurbereinigung. Nur noch wenige wissen, was „Wind achter de Dörn“ bedeutet, nämlich keinen Landbesitz zu haben und folglich als Heiratskandidat auszufallen. Nun gut. Heute gibt es viele Menschen mit Wind tüsken de Ohrn.

Auch ich bin kein großer Freund des Sternchens und der komplexen Umschreibung von Sachverhalten, um niemandem auf die Füße zu treten. Rot ist manchmal rot und grün ist manchmal grün, sonst gibt es Probleme an der Ampel. Aber man kann ja nicht den Umstand übersehen, dass diese Formen Teil der Wirklichkeit sind und bedacht werden müssen. Wer sie nicht mag, benutzt sie einfach nicht.

Der Duden ist ja kein Gesetz, er ist nur ein Buch. Oder er liegt als Konrad in Bad Hersfeld auf dem Totenacker. Wahrscheinlich ist er zu verwittert, um sich um die eigene Achse zu drehen. Es sei denn als Asche.

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