Daniel Cohn-Bendit.
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Daniel Cohn-Bendit.

Kolumne

Filmreise nach Israel

  • Inge Günther
    vonInge Günther
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Dany Cohn-Bendit fragt, was ist jüdische Identität. Seine Antwort ist sehenswert.

Die Parole stammt aus dem Pariser Mai. Damals, 1968, skandierten französische Studenten „nous sommes tous des Juifs allemands“ – wir sind alle deutsche Juden – in Solidarität mit Daniel Cohn-Bendit, gegen den die Regierung de Gaulle ein Wiedereinreiseverbot verhängt hatte.

„Dany le Rouge“, rotgelocktes Gesicht der Studentenrevolte, war nicht nur rechten Gaullisten, sondern auch Frankreichs verkrusteten Kommunisten ein Dorn im Auge. Deren Parteichef Georges Marchais hatte ihn mit antisemitischen Anspielungen als deutschen „Pseudorevolutionär“ abgetan. Auch daran knüpfte der Protestschrei „wir sind alle deutsche Juden“ an.

Er gehört zu den schönsten Erinnerungen an den Pariser Mai. Schon deshalb bot sich der Slogan von damals als Filmtitel an, als Daniel Cohn-Bendit rund fünfzig Jahre später, begleitet von einem Kamerateam unter Regie seines Stiefsohns Niko Apel, der Frage nachging, was jüdische Identität für ihn bedeutet. Aber das erklärt noch nicht, warum dieser persönliche wie politische Dokumentarfilm leider nur im französischen Fernsehen zu sehen war, während die öffentlich-rechtlichen Anstalten hierzulande bislang wenig Interesse bekundeten.

Mag sein, dass das Thema hiesigen Fernsehleuten zu heikel ist. Eine Vermutung, die Cohn-Bendit in diversen Interviews, in der FR und zuletzt in der Wochenzeitung „Die Zeit“, angestellt hat. Zumal es um einige „heiße Eisen“ in Israel geht, über die er sich mit Nationalreligiösen wie auch linken Gegnern austauscht. Über die verschlungenen Wege der Programmgestaltung lässt sich von außen nur spekulieren. Aber es würde ja reichen, wenn der Streifen etwa in der ARD-Mediathek abzurufen wäre.

Immerhin, eine deutsche Filmfassung liegt vor. Im „Mal Seh’n“, Frankfurts kleinstem Programmkino, läuft der Film quasi als DCB-Heimspiel. Nach ein paar ausverkauften Matineen im September sollen im Oktober weitere Aufführungen folgen. Die Reaktionen sind, soweit man hört, positiv bis enthusiastisch, in der jüdischen Gemeinde genauso wie in ehemaligen Sponti-Kreisen.

Zugestanden, mein Blick ist subjektiv als eine, die Dany noch aus WG-Zeiten kennt und dazu als Israel-Korrespondentin selber bisweilen mit dem Land gehadert hat und zugleich an ihm hängt. Aber dieser Film geht über die Wiedersehensfreude mit Altbekannten hinaus. Weil er an einer Reise teilnehmen lässt, die den Horizont erweitert. Die vor der Komplexität nicht zurückscheut, aus der höchst unterschiedliche Individuen ihre in diesem Fall jüdische Identität bestücken.

Sie beginnt bei Danys Bruder Gabriel in Frankreich, der wie er überhaupt nicht religiös ist und nur geringe Lust verspürt, sich als Jude zu definieren. Sie führt weiter nach Tel Aviv, dann in einen Kibbuz, in das gute Leben der jüdisch-israelischen Mehrheitsgesellschaft, die die Schattenseiten lieber ausblendet.

Cohn-Bendit begibt sich auf eine Tour-de-Force, um seinen Kopf zu bewegen, trifft Menschen, die sich ausgegrenzt fühlen wie afrikanische Flüchtlingskinder, aber auch eine Westbank-Siedlerin, einen Palästinenser in Ost-Jerusalem, liberale und ultrafromme Juden, Friedensbewegte und dazu einen besatzungskritischen Ex-Geheimdienstchef, der kein Blatt vor den Mund nimmt.

Am Ende kehrt Cohn-Bendit zurück nach Frankfurt am Main, ohne die eine Antwort: was ist ein Jude, außer vielleicht der, dass das jede(r) für sich bestimmt. Ein starkes Stück Film, der ein breiteres Publikum verdient, gerade auch in Deutschland.

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