Manche Pfade wollen einfach nicht verschwinden.
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Manche Pfade wollen einfach nicht verschwinden.

Kolumne

Feldversuche

  • vonRichard Meng
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Auf der einen Seite begegnen wir einem dröhnenden Pathos zur Rettung der Welt, auf der anderen dominiert Missmut.

Auf einem viel zu groß geratenen Feld gibt es seit vielen Jahren ein interessantes Wechselspiel. Die Spaziergänger aus der nahen Großstadt trampeln immer wieder zwei Fußwege quer durch den Acker. Dort, wo es für Rundgänge eben Sinn macht und wo früher vielleicht sogar Wege waren. Der Landwirt lässt diese Trampelpfade mit seinem riesigen Traktor immer wieder verschwinden, wenn es ans Pflügen oder Einsähen geht.

Trampeln, pflügen, trampeln, pflügen, es ist wie der Wechsel der Jahreszeiten. Vom Frühjahr bis zur Erntezeit und im Winter sowieso kann man meistens gut quer laufen, Ertragverlust minimal. Derzeit ist es nur ein Stoppelfeld, das goldgelb in der Sommersonne leuchtet. Aber leider stimmt auch: Die eine oder andere der Jugendgruppen, die dort abends fern mancher Coronaregel gerne feiern, lässt Müll liegen, was Spaziergänger und Bauer gleichermaßen ärgert. Und Letzterer muss es aufsammeln.

Nun hat der Bauer, der die Strohballen vom Feld holt, sich etwas vorgenommen. Was sie sagen würden, wenn er einfach so durch ihren Garten laufen würde, spricht er die Leute auf dem Trampelpfad an. Nicht mit bösem Unterton, eher aufklärend gemeint. Ein offener, aufs Argument setzender Mensch, der sich nur ärgert. Über den Müll vor allem, aber eben auch über alle Querfeldeingänger, die aus seiner Sicht buchstäblich den Weg bereiten für den Partymüll.

Es entspinnt sich ein Gespräch über Ursache und Wirkung, über Gepachtetes und Benutztes, über unterschiedliche Interessen und ihre Auswirkungen auf andere. Es ist kein rein lokales Problem. Wo immer es Felder gibt, wird ein Begehen der Landschaft unmöglich.

Anderswo haben es vor einiger Zeit die ignoranten Besitzer eines verwahrlosten Wiesenareals rundweg abgelehnt, an einer besonders schönen Stelle eine Sitzbank zuzulassen, die ihnen geschenkt worden wäre. Begründung: Dann feiern dort Jugendliche – und der Müll bleibt liegen. Eigentümerlogik, ziemlich deutsch: Wenn einer etwas darf, dürfen es alle. Wenn es alle dürfen, tun es alle. Wenn es alle tun, bricht alles zusammen. Also darf am besten keiner irgendwas.

Der Historiker Herfried Münkler hat zum 250. Geburtstag des Philosophen Hegel gerade an das Spannungsverhältnis zwischen Vernunft und Wirklichkeit erinnert. Vernünftiges kann realitätsfern sein, Verhaltensroutine ziemlich unvernünftig. Siehe nicht zuletzt Corona. Siehe sogar das billiggestrickte Berliner Verbot für Demos gegen die Pandemiemaßnahmen.

Übersetzt auf die Spaltungen in der Gesellschaft: Auf der einen Seite begegnen wir einem dröhnenden Pathos zur Rettung der Welt, bis hin zum Verdammen von Flugreisen an sich. Auf der anderen Seite dominiert notorischer Missmut, der sich mal nationalkonservativ, mal rechtspopulistisch ausdrückt, mitunter auch linkskonventionell.

Der Bauer auf dem Feld versucht es mit dem, was aus seiner Sicht vernünftig ist. Es sei ihm klar, sagt er, dass er bei vielen Angesprochenen nichts bewirken wird. Aber er will es immer wieder versuchen. Mag auch sein Ziel, den Acker von schmalen Trampelpfaden freizuhalten, ziemlich unsozial sein. Ihm ist wenigstens zu wünschen, dass er nicht auf Aggressionen trifft – und darüber missmutig wird.

Letzten Endes ist es nicht das Schlechteste, wenn nach solchen Feldversuchen Vernünfte und Wirklichkeiten hartnäckig nebeneinander weiterleben. Pflügen, trampeln, pflügen, trampeln, nichts hält ewig. Sich dann auch noch vernünftig ärgern können, beiderseits: Dies zumindest bleibt eine wertvolle, eine geradezu demokratische Kunst.

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