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„Freiheit“ gilt einzig für die besserverdienende Egomanie - wenn es nach der FDP geht

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Von: Katja Thorwarth

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Justizminister Marco Buschmann gehört zu den Adressaten des Negativ-Preises „Floskel des Jahres“.
Justizminister Marco Buschmann gehört zu den Adressaten des Negativ-Preises „Floskel des Jahres“. © Wolfgang Kumm/dpa

Viele sind so frei und definieren den Begriff nach ihrer Auffassung. Man muss also genau hinschauen, wer was meint und will.

Das Jahr ist noch keine Woche alt und schon haut unser Freiheits-, nein, Justizminister Marco Buschmann einen raus. „Wer Freiheit zur Floskel des Jahres erklärt, hat nicht verstanden, wofür die Menschen in der Ukraine oder im Iran ihr Leben riskieren.“ Entsprechend sei die „Freiheit“ nicht „Floskel des Jahres“, sondern das „Gebot der Stunde“.

Aus der Feder unseres FDP-Juristen ist das einigermaßen lustig, schließlich dürfte er mit ein Grund dafür sein, dass es die „Freiheit“ zu dieser Auszeichnung gebracht hat. Die Negativ-Ehrung wird auf Twitter verliehen und wäre eigentlich kein Grund zur Aufregung, fühlten sich nicht sämtliche Konservative/Liberale äußerst angefasst. Und das, obwohl sie es sind, die den Freiheitsbegriff täglich verwässern.

Buschmann beispielsweise verirrt sich gerne im Gesundheitsressort, um „Freiheit“ mit „Querdenken“-Thesen zu verwechseln. In der Szene wird nämlich gerne herumgeheult, weil Maskentragen im öffentlich-rechtlichen Nahverkehr vielerorts noch Pflicht ist. Also sich und andere während einer zehnminütigen U-Bahn-Fahrt zu schützen, ist „Unfreiheit“, alles klar. Dass Buschmann damit den Freiheitsbegriff pervertiert, würde ihm auffallen, nähme er sich die Freiheit, darüber einmal nachzudenken.

Freiheit als Floskel – von der Verantwortung abgekoppelt

Aber was Buschmann kann, kann der beste Verkehrsminister seit Andreas Scheuer erst recht. Auch Volker Wissing beklagt die „Floskel-Wahl“, wobei er ganz vorne marschiert, wenn es darum geht, zur Freiheit zu verklären, was maximal Luxus beziehungsweise deutsches Alleinstellungsmerkmal ist. „Freiheit und Selbstbestimmung von Individuen“ ist sein Thema – und wo das Individuum frei sein will, hat die Vernunft gefälligst die Klappe zu halten.

Bestes Beispiel ist das Tempolimit, das die Grünen über das Verkehrsministerium an die FDP abgeschenkt haben. Billiger wäre Klimaschutz nicht zu haben, selbst wenn der Grüne Winfried Kretschmann etwas anderes behauptet. Doch daraus wird natürlich nichts, solange Porsche-Fahrer wie Christian Lindner an den Gaspedalen der Macht kleben und mitsamt ihrer Klientel „Freiheit“ von Verantwortung abkoppeln und auf egomane Selbstverwirklichung reduzieren.

Es sind also jene, die den Wert des Freiheitsbegriffs ad absurdum führen, um dessen Werteverlust gleichsam zu beklagen. Schon irre, wenn einem dann die Sorge um die Menschen im Iran oder der Ukraine nicht mehr abgekauft wird. Weil Menschen in einem Kriegsgebiet oder Unterdrücker-Staat tatsächlich in Unfreiheit leben. Aber halt nicht Volker W. oder Marco B., die einfach keine Lust haben, einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen.

Freiheit als Floskel – Roll-back gegen Emanzipation und Weiterentwicklung

Erst recht wird „Freiheit“ zur Floskel, wenn etwa der Springer-Journalist Ulf Poschardt pseudo-dystopisch von „Orwell oder Lenin oder der Untertan“ fabuliert, aber fast zeitgleich einen homophob-reaktionären Ex-Papst als „großen Intellektuellen“ wahrgenommen haben will. Der hatte ja nun mit Freiheit so wahnsinnig viel nicht zu tun.

Viel mehr kann man einen Begriff nicht verzerren. Die „Freiheit“, die hier verteidigt wird, gilt einzig für die besserverdienende Egomanie, in der „Freiheit“ auch als Roll-back gelesen werden kann: gegen ökologische Weiterentwicklung, gegen Emanzipation – stattdessen für die Gewohnheiten alter weißer Männer und Frauen. Deren Unfreiheit meint alles, was ihnen nicht in den Kram passt. Es ist wie mit kleinen Kindern. Vernunftbegründete Einschränkung ist auch deren Sache nicht. (Katja Thorwarth)

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