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Das Messen von „weniger“ und „mehr“ ist schwer.
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Das Messen von „weniger“ und „mehr“ ist schwer.

Kolumne

Falsch gemessen

  • Maren Urner
    VonMaren Urner
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Unser Messgerät zur Bestimmung von „weniger“ und „mehr“ ist nicht richtig geeicht. Die Kolumne.

Wandersocken, drei Lagen inklusive Winterjacke und die Kapuze bis tief ins Gesicht gezogen. Trotzdem zieht sich die Gänsehaut über meinen Körper. Auch der schnelle Schritt schafft es nicht, mich ausreichend aufzuwärmen. „Schau mal!“ Meine Begleitung ist abrupt stehengeblieben und zeigt auf eine farbenfrohe Raupe mit weißen Borsten, die mehr nach Science Fiction als nach feucht-kaltem Herbstwald aussieht.

Während wir sie auf einem Buchenblatt drapiert auf meiner Hand bewundern, kommen wir ins Philosophieren. Über die „die kleinen Dinge“, wie die Raupe, den sich verfärbenden Herbstwald, den rauschenden Flusslauf, der uns ein Stück begleitet, und die Kohlmeise, die uns grüßt.

„Moment mal!“ Jetzt bin ich diejenige die plötzlich anhält – Kälte hin oder her. „Klar kennen wir alle den „Weniger ist mehr“-Spruch, aber irgendwie bleibt er doch meist nicht mehr als eine Art fromme Absicht, oder?“ Es sprudelt aus mir heraus, denn mir ist soeben klargeworden: Unser Messgerät zur Bestimmung von „weniger“ und „mehr“ ist nicht richtig geeicht!

Warum? Weil unsere Berechnungen von Kosten und Nutzen fehlerhaft sind. Das liegt vor allem daran, dass wir selten sämtliche Kosten berücksichtigen und vieles in sogenannten Externalitäten auslagern, die meist der Umwelt und anderen Menschen schaden.

Gemeint sind verschmutzte Flüsse und Luft und damit einhergehende Beeinträchtigungen der Gesundheit von Menschen – am liebsten am anderen Ende der Welt, also außer Sicht- und Geruchsweite. Doch dabei ignorieren die windigen Geschäftsmenschen, dass die heute noch weit entfernten Schäden an Mensch und Umwelt morgen vor der eigenen Haustür ankommen – in Form planetarer Dynamiken und Geflüchteten.

Im Grunde ist es nichts anderes als die verzögerten Folgen einer ungesunden Ernährung und mangelnder Bewegung. Tiefkühlpizza und Muffins auf dem Sofa spürt niemand am nächsten Tag aber in Form von Übergewicht, Bandscheibenvorfall und erhöhtem Risiko für Alzheimer, Herzinfarkt und Co ein paar Jahre bis Jahrzehnte später. Mit anderen Worten: Es geht um die Frage, ob wir kurz- oder mittel- und langfristig denken, entscheiden und handeln.

„Stopp!“ Mein Herz pocht, die Kapuze habe ich abgenommen und die Jacke geöffnet. Das mag am Anstieg liegen, aber gleichzeitig sprudelt es weiter aus mir heraus. „Wir haben nicht nur Geräte, die falsch geeicht sind, wir haben die falsche Einheit!“ Ähnlich wie die sieben Basiseinheiten vom Kilogramm bis zur Sekunde 2019 über Naturkonstanten neu definiert wurden, benötigen wir eine neue Definition unserer Einheit von „Bedeutung“.

Was, wenn wir „weniger“ und „mehr“ nicht daran messen, was etwas kostet, sondern daran, was wir gewinnen? Wenn wir uns fragen, welchen Gewinn ich beim Anblick der kleinen Raupe verspüre? Welchen Gewinn die Wanderung im Herbstwald für uns bedeutet? Tatsächlich sind Antworten auf diese Fragen bereits gut erforscht. So verringert finanzieller Reichtum beispielsweise Freude und Genuss an den vermeintlich kleinen Freuden des Alltags, vom Stück Schokolade bis zur Begegnung mit Freunden.

Wem das zu gewagt, vielleicht zu sehr nach Waldidylle klingt, möge an der alten Einheit festhalten, sollte aber die Augen öffnen. Sämtliche mittel- und langfristige Berechnungen der Kosten aktuellen menschlichen Handelns auf der Erde zeigen, dass wir mit mehreren Kettensägen an dem Ast sägen, auf dem wir sitzen. Oder in der Sprache der Wirtschaftsweisen: Wir können die Folgen sogenannter Externalitäten nur für eine bestimmte Zeit unsichtbar erscheinen lassen, denn ohne Umwelt haben wir keine Welt zum Leben.

Maren Urner ist Professorin für Medienpsychologie und Neurowissenschaftlerin.

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