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Gleichmacherei schadet allen Beteiligten

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Von: Michael Herl

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Migration: Einflüsse fremder Kulturen machen keine Gesellschaft kaputt.
Migration: Einflüsse anderer Kulturen machen keine Gesellschaft kaputt. © Patrick Pleul/dpa

Alle Menschen sind gleich. Erst ihre Unterschiedlichkeit ermöglicht ein erstrebenswertes Miteinander. Die Kolumne.

Eigentlich“ ist hier so passend wie selten zuvor. Will doch dieses Wort sagen, dass im Grunde etwas ist, wie es ist, bei längerem Nachdenken womöglich aber doch nicht, was jedoch die ursprüngliche Feststellung nicht relativiert und schon gar nicht für Humbug erklärt – vielleicht aber auch erweitert oder gar veredelt.

Seine Verwendung zeugt also von einer gewissen Fähigkeit zur Toleranz und zur Bereitschaft, einem Standpunkt auch andere Seiten abzugewinnen – ohne die grundsätzliche Aussage infrage zu stellen. Kompliziert. Zugegeben.

Deswegen ein Beispiel: Wenn ich sage, „Eigentlich ist Klaus ein Depp“, halte ich Klaus für einen Deppen, schließe aber nicht aus, dass er doch auch irgendwie nett sein könnte. Am Ende bleibt er aber immer noch ein Depp, vielleicht aber mit ganz sympathischen Zügen.

Warum dieser dialektische Eiertanz? Weil es um nichts anders geht als um die Weltengemeinschaft. Genauer gesagt, um die grundsätzliche Überzeugung, dass alle Menschen gleich sind – doch in ihrer Gleichheit so verschieden, dass ein Miteinander gleichermaßen ein Problempotenzial wie auch eine Chance birgt.

Schauen wir doch nur einmal in französische Supermärkte. Noch vor wenigen Jahrzehnten waren dies Wallfahrtsorte für deutsche Leckerschmecker. Sie strotzten vor einer Fülle prächtigster Köstlichkeiten, vor Fischen, Käsen, Würsten, Weinen, Pasteten, Krustentieren, Patisserien, Früchten und Gemüsen. Deutsche Märkte waren dagegen von ausgesuchter Armseligkeit. Heute gibt es solche Waren bei uns ebenso, doch in schlechterer Qualität. Auch in Frankreich findet man sie noch, allerdings ebenfalls in verminderter Güte. Eigentlich ist das gemeinsame Europa – speziell die deutsch-französische Freundschaft – also eine segensreiche Sache. Doof nur, dass landestypische Lieblichkeiten allzu leicht in dieser Egalität untergehen.

Bleiben wir beim Essen, das taugt oft für prima Verdeutlichungen. „Immer wenn ich eine Pizza Hawaii machen muss, stirbt in Italien ein Pizzabäcker“, hörte ich unlängst einen Mann am Holzofen sagen.

Welche Existenzberechtigung haben also ein Pizzafleischkäse, eine Carbonara mit Sahnesoße, ein Handkäsburger, ein Vollkorncroissant, ein Wasabischwartenmagen, ein Gyrosflammkuchen oder die aktuelle Unsitte, überall spanische Chorizos reinzuschnippeln und Crema di Balsamico drüberzuschütten? Keine.

Alle sind fürchterliche Mischmaschs, dilettantische Versuche, jahrhundertelang zur Perfektion Gereiftes zu vereinheitlichen. Warum kann man nicht einfach mal etwas so lassen, wie es ist, und sich daran erfreuen?

Man kennt das doch aus Beziehungen. Der Satz „Als ich mich in Dich verliebte, warst Du ganz anders“ läutet doch untrüglich ein nahendes Ende ein. Also gönne man dem Gegenüber die Eigenheiten und versuche auch nicht, sich selbst zu verbiegen. Das gilt natürlich nur für menschliche Wesenszüge, nicht aber für krude politische Ansichten.

Kleine Beispiele, großes Fazit: Nicht die Einflüsse fremder Kulturen machen eine Gesellschaft kaputt, sondern das Gefasel von: „Die haben sich anzupassen.“ Gleichmacherei schadet allen Beteiligten. Denn eigentlich sind alle Menschen bereits gleich – und erst ihre Unterschiedlichkeit ermöglicht ein erstrebenswertes Miteinander.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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