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In München wurden Blumen und Kerzen zum Gedenken an die Opfer des Attentates in Halle niedergelegt.
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In München wurden Blumen und Kerzen zum Gedenken an die Opfer des Attentates in Halle niedergelegt.

Kolumne

Es reicht noch lange nicht

  • Anetta Kahane
    vonAnetta Kahane
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Der Prozess von Halle hat vor allem gezeigt, dass es Zeit ist, Antisemitismus endlich wirklich anzupacken. Die Kolumne.

Der angeklagte Attentäter von Halle hat das letzte Wort im Prozess vor dem Landgericht in Halle. Also erhebt er sich und geht ans Pult. Unruhe im Gerichtssaal, einige Nebenkläger und Zeugen verlassen unter Protest diesen Ort. Es hatte auch vorher schon Aussagen des Angeklagten gegeben, bei denen er seinen Hass auf Juden, auf Frauen, auf BPOC (Black and People of Colors) lauthals, direkt und mit grausiger Kälte kundgetan hat.

Gelernt hat er ihn zu Hause, auf der Straße und vor allem im Internet. Seine Radikalisierung verlief geradezu klassisch. Wie genau das geschah, spielte vor Gericht keine Rolle. Die ermittelnden Beamtinnen und Beamten hatten wenig Ahnung davon. Es ging um das Was und Wo, nicht aber über die Hintergründe der Tat, nicht um die Netzwerke, die Ideologien, nicht um die Plattformen, nicht den Wettbewerb der Mörder, möglichst viele Mensche abzuschlachten und das online zu streamen.

Die Polizei meinte ja auch, sie selbst sei neutral und atheistisch, was wohl eine Begründung für ihr Desinteresse an einem Phänomen namens Antisemitismus ausdrücken sollte, der einst Millionen Menschen industriell ermorden ließ. Deswegen wusste sie nicht, warum Schutz nötig ist und was Jom Kippur sei.

Antisemitismus muss bekämpft werden, das wollen so viele, und es sagt sich so einfach. Doch wenn es konkret wird, wenn genauer hingesehen werden soll, dann kommt die Abwehr. Sie besteht aus Gleichgültigkeit, Kälte, Ignoranz und oft aus sorgfältig verborgener Wut.

Wer sagt, Verschwörungsideologien folgen einem antisemitischen Muster, kriegt sie ab; wer sagt, die Juden beherrschen nicht die Welt, kriegt sie zu hören; und wer sagt, dass es auch israelbezogenen Antisemitismus gibt, und zwar massenhaft, bekommt sie zu spüren.

Das Recht darauf, den eigenen Antisemitismus doch bitte zu verschonen, weil der ja gar keiner sei, wird heftig eingefordert. Einige staatliche Kulturinstitutionen haben gerade in einem Brief verkündet, ihr Menschenrecht auf Israelkritik schützen zu wollen. Sie richten sich gegen den Beschluss des Bundestages, die antisemitische Boykottbewegung BDS nicht mit staatlichem Geld zu unterstützen.

Diese Israelboykottbewegung soll nun salonfähig gemacht werden. Die Kulturinstitutionen sehen darin einen Garanten für Weltoffenheit. Doch zeigt sich in diesem Brief lediglich, dass die Kunstwelt ein Garant für Antisemitismusoffenheit bleiben will, anstatt wirklich über Antisemitismus zu diskutieren, der sich in Deutschland gerade gefährlich verdichtet.

Nun spricht der Angeklagte von Halle. Er darf zum Schluss noch mal richtig zubeißen. Und das tut er. Da hören wir keine subtilen Formen von Antisemitismus mehr, keinen sekundären, israelbezogenen oder strukturellen, keine Kommunikation auf Umwegen, sondern direkt und dreckig einfach nur Hass auf Juden. Drei Minuten Tiraden und Hass und Holocaustleugnung, bis ihn die Richterin unterbricht. Es reicht, sagt sie.

Nein, es reicht nicht. Bei weitem nicht. Antisemitismus nur bei Nazis zu verorten ist viel zu einfach. Denn das, was der Angeklagte sagt, gibt es. Stückchenweise, etwas weniger, nur in Einzelteilen, hier und da. Wenn der Prozess von Halle eines gezeigt hat, dann dass es Zeit ist, Antisemitismus endlich wirklich anzupacken.

Anetta Kahane ist Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung.

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