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Moderner Antiimperialismus – Es geht um Emanzipation

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Von: Anetta Kahane

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Weltweit halten die Proteste gegen die Unterdrückung der Frauen im Iran an.
Weltweit halten die Proteste gegen die Unterdrückung der Frauen im Iran an. © Christophe Gateau/dpa

Wir brauchen ein Umdenken: Ein moderner Antiimperialismus sollte sich gegen solche Mächte wie Iran und Russland richten. Die Kolumne.

Frankfurt – Es ist etwas stiller geworden um den Begriff des Globalen Südens. Während der Documenta wurde er noch fortwährend benutzt, um all jenes als interessant und fortschrittlich zu beschreiben, das im Gegensatz zum Westlichen, Weißen, Imperialistischen steht. Gewiss, das globale Aufbegehren gegen die US-amerikanische oder eurozentristische Perspektive gehört unbedingt zu den Diskursen der modernen Welt. Sie haben sich in der Tat lange genug nur dort abgespielt. Und doch liegen die Widersprüche längst nicht mehr in den Himmelsrichtungen.

Ich finde, die Welt ist inzwischen sehr viel weiter, als es das Kunstmilieu behauptete. Ja, es ist stiller geworden um den Begriff Globaler Süden. Seit den Protesten der Frauen im Iran zeigen solche Bezeichnungen und alles, was sie bedeuten, dass sie ganz und gar nicht zum Zustand unserer Welt passen.

Moderner Antiimperialismus - Emanzipation als universeller Wert

Ich kenne einige der iranischen, kurdischen, jesidischen Frauen, die hier in Deutschland leben. Sie kennen sich aus in der Politik, der Region. Sie haben ihre eigenen Erfahrungen mit dem iranischen Regime gemacht. Sie haben mehr Kompetenz im kleinen Finger als hundert – meist Deutsche – Personen, die über den Globalen Süden sinnieren. Fragt man sie, erfährt man viel mehr, als hier in den Zeitungen steht. Zum Beispiel, welche Folgen es hat, dass nicht der Iran und Russland als verbrecherische, terroristische Imperialisten in der Region wahrgenommen werden. Sondern der Westen, allen voran Israel.

Eine dieser Frauen sagte mir vor kurzem, sie sei es leid, als tapfer tituliert zu werden. Das klänge so niedlich. Die Frauen im Iran, Kurdistan, in der gesamten Region verdienten solche Worte der Herablassung nicht. Emanzipation, Demokratie und Freiheit seien keine romantischen westlichen oder eurozentrischen Werte, sondern das, was die Menschen im Iran brauchen. Ganz genauso wie die Menschen in den liberalen Demokratien des Westens.

Vielleicht hat mit dem Überfall Russlands auf die Ukraine bei denen ein Umdenken begonnen, die bisher alles toll fanden, was sich gegen den Westen richtete. Vielleicht versteht die globale Linke inzwischen, dass Russland nicht deshalb gut ist, weil es gegen den Westen kämpft. Das Gleiche gilt für den Iran. Russland und der Iran – zwei tyrannische, imperialistische, antiwestliche, antidemokratische Mächte – und sie arbeiten zusammen: iranische Drohnen gegen die Ukraine und russische Unterstützung gegen die Revolte auf den Straßen Irans.

Moderner Antiimperialismus – gegen das Denken in alten Schemata

Die Frauen im Iran, alle, die sich gegen das Mullahregime auflehnen, die auf den Straßen geprügelt werden oder sterben, brauchen Unterstützung. Ohne Wenn und Aber. Ohne Herablassung oder Kalkül. Sie verstehen das Zögern nicht. Sie verstehen den Atomdeal nicht, sie verstehen nicht, weshalb Deutschland noch immer den Iran umwirbt.

Vielleicht beginnt ein Umdenken. Die große Demonstration in Berlin war ein wunderbarer Moment der Solidarität. Noch sehen wir Äußerungen von Menschen, die lieber ein stabiles Mullahregime hätten als Chaos, wie es neulich noch in der „taz“ zu lesen war. Aber vielleicht bleibt das eine Randerscheinung. Ein Antiimperialismus von heute sollte sich gegen solche Mächte wie Iran und Russland richten. Die Frage ist nicht die nach dem Globalen Süden oder Westen, nicht nach der Herkunft, sondern etwas, das viel wichtiger ist als solche Wörter. Frau. Leben. Freiheit. (Anetta Kahane)

Anetta Kahane war Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung.

Im Interview mit der Frankfurter Rundschau spricht die Deutsch-Iranerin Sahar Sanaie über die aktuelle Lage im Iran und die Fehler der deutschen Politik im Umgang mit dem Land.

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