1. Startseite
  2. Meinung
  3. Kolumnen

Erdbeeren statt Kraniche

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Manfred Niekisch

Kommentare

Spaniens Feuchtgebiet Coto de Doñana ausgetrocknet
Die Lagune Santa Olalla am 2. September: Der Nationalpark Coto de Doñana im Süden Spaniens, eines der wichtigsten Feuchtgebiete Europas, ist ausgetrocknet. © dpa

Die Dürre schafft Probleme, die noch verschärft werden durch Misswirtschaft. Und manches aus der Industrie für Lebensmittel darf man nicht zu wörtlich nehmen. Die Kolumne.

Ausgetrocknet – das lässt sich nach der lang anhaltenden Dürre für viele Gewässer sagen. Und dort, wo sich noch vor wenigen Monaten mächtige Flüsse in ihrem Bett wälzten, sind über weite Strecken nur Rinnsale übrig, wie zum Beispiel beim längsten Fluss Chinas, dem Jangtse. Oder sie führen so niedriges Wasser, dass die Schifffahrt gefährdet ist, wie am poetisch überfrachteten deutschen Rhein.

Es hat zu wenig geregnet. Doch mancherorts ist der Wassermangel auch verursacht durch Misswirtschaft. Wer denkt schon daran, dass die leckeren Erdbeeren im heimischen Supermarkt, Herkunftsland Spanien, womöglich ursächlich dafür sind, dass die Kraniche und viele andere Zugvögel jetzt erst einmal nicht wissen, wie sie über den Winter kommen sollen.

Denn nun ist auch die letzte noch übrig gebliebene Lagune im Nationalpark Coto de Doñana ausgetrocknet. Das Feuchtgebiet im Süden Spaniens ist eines der bedeutendsten europäischen Durchzugs- und Überwinterungsgebiete für Abertausende von Vögeln, die dem Winter des Nordens entfliehen wollen und müssen.

Die diesjährige Dürre verstärkt das Problem, doch ursächlich ist die Entnahme von Wasser für den Tourismus und für den Anbau von Erdbeeren. Egal ob legal oder illegal, es wird zu viel Wasser abgezapft. Naturschützer beklagen seit langem, dass die Strafen für illegale Brunnen viel zu niedrig sind und sich das ungesetzliche Brunnenbohren für die Bauern lohnt.

Die andalusische Regierung will jetzt sogar zusätzlich fast 2000 Hektar illegaler Erdbeerfelder legalisieren. Mit den Erdbeeren zum Selberpflücken in heimischen Gefilden scheint die Erdbeerlust der Deutschen nicht zu stillen zu sein, obwohl einem der Appetit vergehen müsste, wenn man die Folgen in Spanien bedenkt. Dabei ist noch nicht einmal immer Erdbeere drin, wo Erdbeergeschmack draufsteht. Es ist lange bekannt, dass dieser oft von der Spielwiese der Aromaindustrie stammt.

Aber im Lebensmittelbereich ist so manches eher ein Produkt des Marketings als des vermeintlichen Herkunftslandes. Tausende Tonnen Tomatenmark, in Containern aus dem Billiglohnland China importiert, werden flugs mit kleinen Abfülltricks den Verbraucherinnen und Verbrauchern als charismatisches italienisches Tomatenmark verkauft.

Alles, was genussvoll bei unserer Vorstellung vom bel paese Italien mitschwingt, wirkt hier. Es sei dahingestellt, ob wahrheitsgemäß als chinesisch deklariertes Tomatenmark ein Verkaufsschlager wäre, so gut die chinesische Küche auch sein mag.

Immerhin wurde bekannt, dass es die laschen Arbeitsschutzbestimmungen und die niedrigen Löhne sind, die China zur Tomatenweltmacht aufsteigen lassen. Da kann Italien kaum mithalten und liefert nicht die Tomaten, sondern nur deren guten Ruf.

Würden wir anfangen, bei Lebensmitteln zu hinterfragen, was Marketing und Suggestion uns vermitteln und was hinter dem Produkt und in ihm tatsächlich steckt, dauerte der Einkauf im Supermarkt wohl Stunden. Wer hat dazu schon die Zeit und das Hintergrundwissen?

Immerhin gibt es einen guten Weg des bewussten und ehrlichen Einkaufs: regionale Produkte, zertifizierte Bioware oder den Kauf direkt vom Erzeuger, beim Biohändler, im Hofladen. Und Erdbeeren nur, wenn bei uns Erdbeersaison ist. Dann behalten die Kraniche am ehesten ihr Winterquartier.

Manfred Niekisch ist Biologe und ehemaliger Direktor des Frankfurter Zoos.

Auch interessant

Kommentare