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Das Sinti-und-Roma-Denkmal in Berlin.
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Das Sinti-und-Roma-Denkmal in Berlin.

Kolumne

Entschuldigung!

  • Hadija Haruna-Oelker
    VonHadija Haruna-Oelker
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Echter Fortschritt oder Bußritual? Für historisches Unrecht glaubhaft um Verzeihung zubitten, ist keine einfache Übung. Die Kolumne.

Sich entschuldigen. Für rassistische Bildsprache, verbale Entgleisungen, sprachliche Unachtsamkeiten. Juventus Turin tat es, Radsportdirektor Patrick Moster, Moderatorin Katja Burkard und zuletzt Politikerin Annalena Baerbock taten es auch.

Die einen stöhnen über die neue Achtsamkeit, die anderen nehmen sie mit einem Blick in die Vergangenheit zum Anlass, noch einen Schritt weiter zu gehen. Um sich für noch Unentschuldigtes zu entschuldigen, wie es kürzlich Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern tat, als sie sich für die rassistisch motivierten Polizeieinsätze in den 70er Jahren entschuldigte. Die Regierung betrauere, bereue, bedauere, dass es bei den damaligen Razzien mit Hundestaffeln, den so genannten „Dawn Raids“, zur Kriminalisierung Eingewanderter gekommen sei.

Sich für historisches Unrecht öffentlich zu entschuldigen, sei seit den 90er Jahren üblicher geworden, lese ich in einem alten Text der Bundeszentrale für politische Bildung. Lese darüber, wer alles schon um Entschuldigung gebeten hat. Der Papst für die Inquisition, Bill Clinton für den Sklavenhandel, die Schweiz für die Einlagerung des Nazigolds oder Australiens Premier Kevin Rudd 2008 bei den Natives in Australien für ihre Unterdrückung und die Trennung der Kinder von ihren Eltern.

Ich erinnere mich daran, dass erst vor wenigen Wochen in Kanada 160 Massengräber von indigenen Kindern gefunden wurden, die in Heime gezwungen und nach ihrem Tod verscharrt worden waren. Und dass Kanadas Premier Justin Trudeau kurz darauf den 1. August zum offiziellen „Emanzipationstag“ erklärte, der in vielen afrikanisch-kanadischen Gemeinden schon seit langem als solcher begangen wird, um an das Ende der Sklaverei vor 200 Jahren zu erinnern.

Vergangenheit verjährt nicht. Es gibt noch so viele Kapitel in der Geschichte der Unterdrückung, mit denen sich zahlreiche Länder noch nicht beschäftigt haben und für die sie sich entschuldigen müssten. Deutschlands Versuch einer Entschuldigung für den Völkermord an den Herero und Nama nach einem jahrzehntelangen Kampf ihrer Nachfahren und Unterstützer*innen wurde kürzlich als unzureichend abgelehnt. Eine Entschuldigung ohne angemessene Entschädigung in Absprache mit den Betroffenen bleibt der Streitpunkt.

Immer wieder zeigt sich, woran sich Gesellschaften erinnern (wollen) und woran nicht oder wie lange es dauert, bis es soweit ist. So wurde ich am 2. August, dem internationalen Tag des Gedenkens an den Genozid an Sinti*zze und Rom*nja, daran erinnert, dass den Nachfahren 1956 in Deutschland eine Wiedergutmachung höchstrichterlich abgelehnt und das damit begründet wurde, dass sie nicht „rassistisch“, sondern wegen ihrer angeblich verwerflichen Lebensweise verfolgt worden seien. Und dass es bis 2012 dauerte, um ihnen ein Denkmal in Berlin zu setzen.

Kein Wunder, dass der Rassismus gegen Sinti*zze und Rom*nja bis heute so unbeachtet ist. Es habe keine Befreiung für ihre Nachkommen gegeben, der Genozid sei nicht ausreichend erforscht und in den gängigen Erinnerungskulturen unterrepräsentiert, wird die Heidelberger Historikerin Karola Fings dazu in einem Text zitiert.

Ich lese, dass politische Entschuldigungen sowohl als Ausdruck politisch-moralischen Fortschritts als auch als „zivilreligiöse Bußrituale“ gedeutet werden, und mich interessiert, unter welchen Bedingungen sie zur Versöhnung beitragen. Schließlich gibt es Kriterien für ein aufrichtiges Sich-Entschuldigen. Die Wahrscheinlichkeit dafür steigt, wenn eine Entschuldigung vollständig und ohne Rechtfertigung geschieht und wenn Konsequenzen folgen. Das gilt für damals wie heute.

Hadija Haruna-Oelker ist Autorin.

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