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Von: Michael Herl

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Der Frauenfußball ist der restlichen Gesellschaft weit voraus, und dem lahmarschigen und profithörigen DFB erst recht.
Der Frauenfußball ist der restlichen Gesellschaft weit voraus, und dem lahmarschigen und profithörigen DFB erst recht. © Sebastian Christoph Gollnow/dpa

Der Frauenfußball ist der Gesellschaft weit voraus. Wollen wir also hoffen, dass die Spielerinnen sich nicht so instrumentalisieren lassen wie die Männer. Die Kolumne.

Eigentlich ist das ja wie mit so vielem. Nehmen wir nur mal die Bio-Nahrungsmittel. Früher gab’s die nur in verknorzelten Lädchen, wurden feilgeboten von echt lieben, tagträumenden Menschen in selbstgezüchteten Gewändern, sahen aus wie der Abfall von Aldi und schmeckten häufig auch so. Demzufolge war es auch eine gleichermaßen eingeschworene wie überschaubare Spezies, die dort einkaufte.

Es waren Leute, die eine bessere Welt wollten, und eine ihrer Utopien lautete „Bio für alle“. Der Traum wurde wahr. Der größte deutsche Discounter brüstet sich heute zu Recht damit, die meisten ökologisch erzeugten Lebensmittel zu verkaufen. Doch ist es das, was sie damals wollten? Sollte die Biokarotte wirklich nicht aus Idealismus gehandelt werden, sondern aus Profitinteresse?

Ähnlich könnte es dem Frauenfußball ergehen. Über Jahrzehnte führte er das berühmte Schattendasein. Von der Männerwelt belächelt, vom Deutschen Fußballbund (DFB) sogar lange verboten, wird er plötzlich geliebt wie nie. 18 Millionen bibberten am Sonntag vor dem Fernseher mit den deutschen Kickerinnen im Endspiel um die Europameisterschaft, der Kanzler weilte höchstpersönlich im Wembley-Stadion, und die Akteurinnen wurden trotz der Niederlage bei ihrer Rückkehr in Frankfurt fast so gefeiert wie die Männer. Was ist da geschehen?

Klar, das war längst überfällig. Schon lange spielen auch die Frauen einen sehenswerten Fußball, der viel mehr Beachtung verdient gehabt hätte. Die gibt es nun offensichtlich.

Doch wo führt das hin? Machen die Frauen nun den gleichen Quatsch wie die Männer? Werden sie nicht mehr durch Traumpässe glänzen, sondern durch den Verzehr dicker Steaks mit Goldüberzug? Werden Sie mit Lamborghinis, Maseratis oder Ferraris zum Training kommen? Werden sie zum Trainingslager in die USA oder nach Japan fliegen, weil dort noch Merchandising-Kohle zu holen ist? Und werden sie ihre Jugendlieben verlassen, weil man mit einem Top-Model (egal, ob männlich oder weiblich) an der Seite besser an die Costa Smeralda passt? Und wird es mal eine Frauen-Weltmeisterschaft in Katar geben? Obwohl, das wäre nun schon wieder reizvoll.

Frauen sind auf dem Weg zur Gleichberechtigung schon häufig übers Ziel hinausgeschossen. Herzinfarkt und Schlaganfall waren lange fast reine Männersache, verursacht durch übertriebenen Ehrgeiz, Karrierewahn und Hahnenkämpfe. Ebenso der Fetisch um schnelle Autos, Protz und Raserei. Das war einmal. Die Frauen haben aufgeholt.

Beim Fußball ist es noch nicht so weit. Da wird in Interviews nicht postpubertär herumgestammelt und jeder Satz mit „Ich glaube…“ begonnen, sondern klar, verständlich und selbstbewusst gesagt, was Sache ist. Da wird auf dem Feld nicht beim kleinsten Foul herumgeweint und nach Mama gerufen, sondern aufgestanden und weitergekickt. Und es wird offen und selbstverständlich gleichgeschlechtliche Liebe gelebt und gezeigt.

Das ist es, was mir Hoffnung gibt. Der Frauenfußball ist der restlichen Gesellschaft weit voraus, und dem lahmarschigen und profithörigen DFB erst recht. Wollen wir also hoffen, dass sich die Fußballfrauen nicht so instrumentalisieren lassen wie die Männer. Und dass sie dennoch gutes Geld verdienen. Denn das haben sie sich verdient.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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