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Energie sparen

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Von: Harry Nutt

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Genuss ist nicht länger vollständig, wenn er nicht in eine klare nachweisbare Zweckmäßigkeit mündet.
Genuss ist nicht länger vollständig, wenn er nicht in eine klare nachweisbare Zweckmäßigkeit mündet. © Philipp von Ditfurth/dpa

Habecks Mahnungen zielen darauf ab, dass sich Einsparungen auszahlen, aber nicht als Verzicht wahrgenommen werden müssen. Die Kolumne.

Nicht, dass ich mich gleich angesprochen gefühlt habe, als Wirtschaftsminister Robert Habeck sagte: „Kriegst du nicht, Alter.“ Gemeint war ein weiterer Zuschuss aus dem Bundeshaushalt angesichts steigender Energiepreise und auf absehbare Zeit nicht nachlassender Inflation in nahezu allen Konsumbereichen.

Aber es stimmt schon. Wo man auch hinschaut: überall Ökonomie. Seit ein paar Wochen beobachte ich Benzinpreise und tanke bevorzugt abends, weil die Tankstellen ihre Preisgestaltung nicht erst seit Putins Überfall auf die Ukraine nach einem Casino-Prinzip organisiert haben.

Man muss halt Glück und einen aufnahmefähigen Tank haben, wenn man günstig tanken will. Ja, ich bewege das Auto tatsächlich noch, weil bloßes Parken in den Innenstädten derzeit als der noch größere Skandal erscheint.

Das mit dem Duschkopf habe ich zunächst gar nicht verstanden. Schon seit Jahrzehnten verkneife ich mir ein Vollbad zugunsten einer schnellen Dusche, das Argument des Wasserverbrauchs wurde mir bereits in den späten 70er Jahren in einer in diesen Fragen sehr rigiden Wohngemeinschaft kurz nach dem Abitur eingebläut. Den Einkauf besorgten wir mit ausgefransten Jutetaschen, der Müll wurde getrennt, das Spülmittel kam aus ökologisch korrekter Eigenherstellung und schmierte nachhaltig.

Jetzt also beim Duschen sparen – aber wie? Bei meinen Recherchen stieß ich auf den Duschkopf Airpower, vertrieben von einer Firma, bei der Vor- und Nachname wohlig zusammenlaufen wie Wasser.

Das Prinzip sei einfach, aber genial, verrät die Produktbeschreibung, die mit sprachlichem Feingefühl verfasst worden ist. „Über die Strahlscheibe Ihrer Brause wird großflächig Luft angesaugt. Sie mischt das Wasser im wahrsten Sinne des Wortes auf. Frisch mit Luft angereichert sind die Tropfen spürbar leichter und weicher. Damit steigern Sie nicht nur das Vergnügen beim Duschen, damit senken Sie auch Ihren Wasserverbrauch.“ Genuss ist nicht länger vollständig, wenn er nicht in eine klar nachweisbare Zweckmäßigkeit mündet.

Die Illusion von „mehr Wasser“ führt demnach dazu, früher fertig zu werden. Ich fühlte mich sogleich angeregt, über weitere Veränderungen nachzudenken. Die Wahl des Shampoos kann ebenfalls ausschlaggebend sein. Die Kombination aus Shampoo und Spülung jedenfalls verlängert den Duschvorgang ganz erheblich und kann nicht länger als krisenkompatibel gelten.

Wobei wir uns bei den Beispielen ja immer noch in der Komfortzone bewegen. Selbst Habecks Mahnungen zielen darauf ab, alles derart elegant hinzubekommen, dass sich die Einsparungen zählbar niederschlagen, sie aber nicht als Verzicht wahrgenommen werden müssen. Das Gefühl des Darbens scheint als Lebenserfahrung unserer Eltern und Großeltern derart tief verankert, dass es besser nicht abgerufen wird.

Bei der Airpower-Brause ist die Wasserersparnis letztlich nur Abfallprodukt des Versprechens auf eine Steigerung des Wohlbefindens. „Während jeder Tropfen samtweich über Ihre Haut perlt“, so heißt es in der Werbung, „entfaltet sich eine fantastische Wirkung: Der Airpower-Brauseregen umhüllt Ihren Körper und verwöhnt Sie mit herrlichem Wohlgefühl.“

War es das, was Robert Habeck uns sagen wollte? Ey, Alter!?

Harry Nutt ist Autor.

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