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Empowerment statt Opferstatus

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Von: Anetta Kahane

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Chancen hinter Gittern. Jahrelang hat sich Julie dafür engagiert, dass Männer und Transpersonen von St. Quentin eine Chance durch eine höhere Ausbildung bekommen können. (Symbolbild)
Chancen hinter Gittern. Jahrelang hat sich Julie dafür engagiert, dass Männer und Transpersonen von St. Quentin eine Chance durch eine höhere Ausbildung bekommen können. (Symbolbild) © Jan-Philipp Strobel/dpa

Insassen des Gefängnisses St. Quentin können studieren. Sie wissen, was sie angerichtet haben. Ihre Lehrkräfte oft nicht. Die Kolumne.

Manche Morgende fühlen sich an, als läge schon ein anstrengender Tag hinter mir. Die Welt scheint nur noch angespannt zu sein. Selbst beim Blick aus dem Fenster ist jetzt Klimawandel, wo bisher Wetter war.

Deshalb freute ich mich, meine Freundin Eli wiederzusehen. Dummerweise wohnt sie irgendwo im Norden und ist viel zu selten in Berlin. Eli hatte ein fesches Hütchen auf, als sie den Laden betrat, und sie brachte Julie mit. Eli begrüßte mich mit ihrem klugen und warmen Blick und stellte mir Julie aus Kalifornien vor, die mir von der ersten Sekunde an vertraut und nah war. Das Betrübnis- und Opfergeschäft, wie es aus allen Zeitungen und Netzwerken blubbert, verschwand für mich beim Anblick dieser beiden wunderbaren Frauen.

Frauen brauchen keine großen Gesten oder lautes Gehabe. So sitze ich mit Eli und Julie in meinem Café, die eine: kluge und erfahrene Philanthropin und die andere: unglaubliche Gründerin. Sie hat eine Uni aufgebaut, mitten in einem Gefängnis. Bei dem Namen St. Quentin erinnere ich mich unweigerlich an Johnny Cashs Livekonzert und den Ausdruck im Gesicht der Gefangenen, als er sang.

Gewiss, heute sieht es dort anders aus. Doch es ist noch immer der harte Knast. Jahrelang hat sich Julie dafür engagiert, dass die Männer und Transpersonen von St. Quentin eine Chance durch eine höhere Ausbildung bekommen können.

Was es für Kämpfe gekostet hat, mag ich mir kaum vorstellen. Verwaltung und Politik, die Gewerkschaft der Gefängniswärter, das Justizsystem, sie alle hatten Einwände und Bedingungen. Mit enormer Kraft hat sie dann noch das Geld dafür beschafft. Alles aus privaten Mitteln.

Jetzt studieren dort Gefangene, egal welche Schulbildung sie haben. Und viele schaffen ihren Abschluss. Es ist erstaunlich, sagt Julie, wie reflektiert die meisten ihr eigenes Leben sehen und dass sie verstehen, was sie mit ihren Verbrechen angerichtet haben.

Ganz im Gegensatz zu einigen Lehrkräften aus den umliegenden Universitäten, die meist behütet und ohne existenzielle Konflikte durchmachen zu müssen aufgewachsen sind. Die erzählen den Gefangenen, empört sich Eli, dass sie keinerlei Verantwortung hätten, keinen Mut zur Selbstreflexion bräuchten, dass sie in gewisser Weise sogar Märtyrer seien, weil sie doch Opfer des Systems oder des deep state wären.

So etwas zu verkünden ärgert mich. Es ist Ideologie und nicht im Interesse der Gefangenen, sondern allein um ihre eigene, vermeintlich fortschrittliche Selbstgefälligkeit zu bedienen. Solche Haltungen zeugen von Hochmut, nicht von Gerechtigkeit, nicht davon, etwas wirklich verbessern zu wollen, das Menschen nützt. Leider ein sehr weit verbreitetes Muster. Das schlechte System ist das eine, es darf aber niemals dafür herhalten, Menschen ihr individuelles Empowerment zu verwehren.

Wir haben noch über vieles geredet und von großen Reisen geträumt. Mit Eli nach New York schippern – das wäre was. Oder einfach mit ihr nach St. Quentin zu Julie. Wir könnten mit den Lehrkräften reden oder sonst wie die Welt verbessern! Oder einfach nur auf das Meer schauen und durchatmen.

Ich bin froh, dass es die beiden gibt. Und sehr dankbar, dass die beiden auch das Empowerment von Menschen als einen besseren Beitrag zur Gerechtigkeit sehen, als nur in Trübsinn und Opferstatus zu verharren.

Anetta Kahane war Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung.

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