Kolumne

Eklektischer Wurstsalat

  • Michael Herl
    vonMichael Herl
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Eine kleine Schummelei kann eine Geschichte wahrhaftiger machen. Das hat aber nichts mit Fake News zu tun. Die Kolumne.

Eigentlich wollte ich Ihnen das nie mitteilen. Doch da im Moment eh alles anders ist als früher, soll es doch mal geschehen. Aufmerksame Leserinnen und Leser dürften es nach mehr als vierhundert Kolumnen ja sowieso schon längst gemerkt haben: Fake News sind keine Erfindung von Donald Trump, sondern von einem anderen pfälzischen Migranten – von mir.

Immer mal wieder habe ich Ihnen eine kleine Schummelei untergeschoben, und niemand hat’s je bemerkt. Dies geschah niemals in böser Absicht, sondern nur zur Bekräftigung der Wahrheit.

So manche Vorgänge stoßen halt erst auf geflissentliches Interesse, wenn man sie nicht tröge und knäckebrotig erzählt, sondern kunterbunt und rosenumrankt. Sie schlappen ja schließlich auch nicht in Gartenklamotten zu einem Galadinner.

So berichtete ich vor langer Zeit einmal über Heini, ein pelziges Tierchen, das in meiner Badewanne wohnte, gerne Jazz hörte und Whisky trank. Es hatte sich so häuslich eingerichtet, dass ich sogar bei der Nachbarin duschte, um es nicht versehentlich wegzuspülen.

Sie haben mir das alle geglaubt, viele schrieben mir, dass sie Ähnliches auch schon erlebt hätten, sich aber nie darüber zu sprechen trauten. Und bei Lesungen erhält diese Kolumne mit am meisten Beifall.

Nie jedenfalls krähte jemand „Lügenpresse“ oder ähnlich Ekliges. Dabei, es sei gestanden, habe ich es bei dieser Geschichte mit der Wahrheit nicht so genau genommen. Das Tierchen nämlich hieß eigentlich Traugott, das erschien mir aber zu unsexy. Verzeihen Sie bitte.

Warum ich erst jetzt damit herausrücke? Nun, das liegt an dem Wurstsalat. Und zwar nicht irgendein Wurstsalat, sondern, ein sagen wir mal, eklektischer. Wie viele große Dinge in der Geschichte der Menschheit entstand er nicht von langer Hand geplant, sondern in einer Art Wurstsalatreflex.

Aber von vorne. Gestern abend kochte ich Pellkartoffeln, um heute Bratkartoffeln zuzubereiten. Das sollte man immer mit vortägigen machen. Dazu sollte es Quark geben. Den wollte ich vorhin schon mal anmachen, damit er ziehen kann. Dabei entdeckte ich ein Löchlein in der Packung, der Quark war verschimmelt.

Was also zu den Bratkartoffeln essen? Heute ist Sonntag, ein Nachkauf scheidet also aus. Da verspürte ich plötzlich eine heftige Lust auf Wurstsalat. Fleischwurst war aber nicht am Lager, so sammelte ich alles zusammen, was sich an Wurstigem im Kühlschrank fand.

Es waren dies ein Paar Frankfurter, drei Scheiben Bierschinken, ein Stück Salami und ein Brocken Hausmacher Blutwurst. Das sollte genügen. Ich rührte eine Vinaigrette zusammen, gab Gurkenstückchen hinein und schnippelte das Wurstkonvolut in schmale Fetzchen.

Plötzlich vernahm ich ein bitterliches Weinen. Ich ging ihm nach und entdeckte in der Ecke neben dem Olivenölkanister ein winziges Endstückchen eines Frankfurter Würstchens kauern. Es hatte schon ganz verheulte Äugelchen und zitterte am ganzen Körperchen. Es war mir unbemerkt heruntergefallen. Sorgsam hob ich es auf, spülte es etwas ab und setzte es zu den anderen in die Salatschüssel.

Glauben Sie mir, ich habe noch nie ein Endstückchen eines Frankfurter Würstchens so glücklich gesehen! Und wenn wir schon dabei sind: Dass diese Geschichte wahr ist, können Sie mir auch glauben.

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