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Lehren aus Putins Krieg

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Von: Johannes Dieterich

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Bei Diktatoren sollten Rohstoffe nur mit Auflagen gekauft werden. Außerdem müssen die Vereinten Nationen endlich reformiert werden. Die Kolumne.

Jetzt ist die Erkenntnis auch in Europa angelangt. „Von Diktatoren kauft man keine Rohstoffe“, erklärte eine bulgarische Abgeordnete vergangene Woche: Ein Appell, den vor ihr schon Generationen an Afrika-Korrespondentinnen und -Korrespondenten geäußert hatten. Vergeblich.

Seit in Afrika wichtige Rohstoffe gefunden wurden – und das war lange, bevor die ersten Europäerinnen und Europäer Lesen lernten –, kümmerten sich die Käufer einen Dreck darum, unter welchen Bedingungen die erworbenen Bodenschätze gewonnen wurden. Ihnen war es sogar lieber, wenn das Erdöl, Gold oder Uran aus diktatorisch regierten Staaten kam. Dann war der Nachschub besser gesichert. Was die jeweilige Gewaltherrschaft für die Menschen im Kongo, in Nigeria oder Äquatorialguinea bedeutete, war den Europäern schnuppe. Das tat lediglich den anderen weh.

Warum sah man Putin jahrzehntelang nicht als Tyrannen?

Im Fall Russlands ist das anders. Die Folgen der Despoten-Fütterung lassen sich nicht länger negieren. Die Opfer des mit deutschen Erdgas-Milliarden aufgeblasenen Diktators fallen im Nachbarland unseres Nachbarlandes an – an der Oder kann man die Einschläge der russischen Raketen fast mit eigenen Ohren hören.

Uran wird abgebaut.
Uranabbau in Russland. © Imago Images

Warum so viele Deutsche den russischen Regierungschef Wladimir Putin jahrzehntelang nicht als Tyrannen, mit dem man keine Geschäfte macht, wahrnahmen, ist angesichts seines Tschetschenienkriegs, der Raubzüge der Oligarchen (einschließlich des vom Präsidenten zum Premierminister und wieder zurück mutierten Dauerherrschers selbst), des Syrienkriegs, der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim, der weltweiten Manipulation von Wahlen und der brutalen Zerschlagung der heimischen Opposition einschließlich der Vergiftung Alexei Navalnys beim besten Willen nicht zu verstehen. Dachten sie, dass Russland seinem Wesen nach statt Demokratie eine starke Hand braucht? Dass Regieren im einstigen Sowjetreich eben anders als in Westeuropa funktioniert?

Zum Autor

Johannes Dieterich berichtet für die FR aus und über Afrika.

Es hätte durchaus Möglichkeiten gegeben, den Schaden zu begrenzen – etwa indem der Kauf russischer Bodenschätze an die Konditionen der „Initiative für Transparenz im rohstoffgewinnenden Sektor“ (Eiti) geknüpft worden wäre. Deren Regelwerk verpflichtet sowohl Rohstoffproduzenten wie deren Kunden, sämtliche Zahlungen, Geldströme und Nutznießer offenzulegen. Deutschland ist seit sechs Jahren Mitglied der Initiative – inzwischen auch Nigeria, die Zentralafrikanische Republik oder der Kongo. Russland nicht. Auch auf diesem Auge war Gasprom-Gerhard blind.

Ukraine-Krieg: Das Geschäftsmodell der Despoten

Der Nichtanwendung internationaler Regelwerke oder deren Unzulänglichkeit verdanken Despoten ihr Geschäftsmodell. Das gilt auch für das wichtigste aller internationalen Gremien, den UN-Sicherheitsrat. Ihn haben die Gründerinnen und Gründer der verfassten Völkergemeinschaft statt mit einem Anti- mit einem Auto-Blockiersystem ausgestattet. Wenn es ernst wird, legt eines seiner fünf mit Veto-Recht ausgestatteten Mitgliedern der 1. Klasse eine Vollbremsung hin.

Schon seit Jahrzehnten schreit der obskure Zweiklassen-Rat nach Reform. Wenn sie jetzt nicht in Angriff genommen wird, wann dann? Die globalisierte Welt, die auch die nationalistischen Flashbacks der vergangenen Jahre überdauern wird, braucht dringend wirksame politische Kontrollorgane. Wenn Putins Krieg diesen Prozess anstoßen würde, wäre er wenigstens in einer Hinsicht nicht verbrecherisch. (Johannes Dieterich)

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