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Einen Steuerbescheid, bitte!

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Von: Johannes Dieterich

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Die Finanzbehörde NRW veröffentlicht jedes Jahr eine Liste, mit Schwerpunkten, die in der Steuererklärung besonders geprüft werden.
Ach wäre es mit den südafrikanischen Behörden doch so einfach wie mit den deutschen. © Oliver Berg / dpa

Wer einmal durch die Hölle südafrikanischer Bürokratie gegangen ist, beantragt lieber gleich eine Sterbeurkunde. Die Kolumne.

Die Honorarabteilung einer ehrenwerten schwäbischen Zeitung hat sich gewiss nichts Böses dabei gedacht. Sie bat mich um eine Bescheinigung des südafrikanischen Finanzamts, dass ich hier Steuern bezahle, sonst würden mir gleich in Deutschland Steuern abgezogen und dann hier in Südafrika nochmals.

Klingt für deutsche Ohren banal. Ist es in einem „failing state“, einem scheiternden Staat, allerdings nicht. Hier ist nichts selbstverständlich, was mit dem Staat zu tun hat. Ob es sich um Strom, Wasser, die Polizei oder den Zustand der Straßen handelt. Ein 18-jähriger Bekannter, der einen Personalausweis beantragte, bekam nach monatelangem Nachfragen jüngst eine Sterbeurkunde.

Ich müsse nur das beigefügte Formular unterzeichnen lassen, sucht mich die schwäbische Honorarabteilung zu beruhigen: Es ist sogar in Englisch verfasst. Bei der Johannesburger Steuerbehörde weist man allerdings darauf hin, dass Formulare aus dem Ausland grundsätzlich nicht unterzeichnet würden – schließlich sei Südafrika ein souveräner Staat. Ich müsse ein „Certificate of Residence“ beantragen, das werde mir in drei bis vier Wochen zugeschickt.

In der sechsten Woche rufe ich beim Callcenter der Steuerbehörde an. Der Antrag sei tatsächlich noch nicht bearbeitet, erfahre ich. Die Sache werde jetzt aber vorrangig behandelt. Zwei Wochen später derselbe Dialog. Ein Anruf im Callcenter dauert rund eine Stunde: 45 Minuten Wartezeit und schließlich „aus Sicherheitsgründen“ die Beantwortung unzähliger Fragen. Woche acht bis 14: wöchentliche Anrufe im Callcenter, die stets mit derselben Antwort bedacht werden.

Meine Steuerberaterin Lesley legt bei der Behörde Beschwerde ein. Zwei Wochen später erhalte ich den Bescheid, dass mein Fall abgeschlossen sei. Von dem Wisch noch immer keine Spur. Ich rufe die Beschwerdestelle an, wo mir eine Automatenstimme drei Optionen anbietet. Zwei funktionieren nicht, bei der dritten lande ich in einer Warteschleife: „Sie sind auf Platz elf“ sagt die Stimme. Nach einer halben Stunde bin ich auf Platz neun. Ich versuche es am nächsten Morgen noch einmal. Platz 13.

Keine Frage: Ich muss durchhalten, komme was wolle. Nach zweistündiger Wartezeit bin ich montagmorgens um zehn von Platz elf auf Platz eins gekrochen, und dabei bleibt es auch. Eine Stunde lang Platz eins, dann gebe ich auf. Die Melodie der Antwortmaschine hat sich wie eine Schweißnaht in mein Hirn gebrannt. Ich male mir aus, wie ich jeden Angestellten der Steuerbehörde einzeln um die Ecke bringe.

Lesley hat noch einen Trumpf in der Hand: Sie beantragt online einen Telefontermin für mich. Der Automat legt ihn auf den 15. August, da bin ich im Urlaub. Verschieben geht nicht.

Ich solle einen neuen beantragen, falls ich je wieder zurückkomme, sagt Lesley. Meine Kollegen, die nicht das Glück haben, mit einer Südafrikanerin verheiratet zu sein, bemühen sich seit Monaten um eine Verlängerung ihrer Aufenthaltserlaubnis. Ein Ministerialdirektor in Pretoria, der weder Journalist:innen noch Ausländer:innen mag, sitze auf 20 000 unbearbeiteten Anträgen, heißt es.

Südafrikaner:innen verlassen derzeit in Scharen das Land, um nicht in der Psychiatrie zu enden. Ich werde morgen eine Sterbeurkunde beantragen: Vielleicht kriege ich stattdessen meinen Steuerbescheid.

Johannes Dieterich berichtet für die FR aus und über Afrika.

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