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Soziales Pflichtjahr? Eine prima Idee

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Von: Michael Herl

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Nicht für jeden ist die Bedienung eines Geldautomaten kinderleicht.
Nicht für jeden ist die Bedienung eines Geldautomaten kinderleicht. © Imago

Während einer „sozialen Pflichtzeit“ könnten viele die Realität anderer kennenlernen. Einige haben das bitter nötig. Die Kolumne.

Eigentlich hätte mir dieser Schnösel ja egal sein können. Es war einer jener jungen Menschen, wie sie in einer Finanzmetropole häufig zu beobachten sind. Die männlichen Exemplare tragen Anzügchen, die weiblichen Kostümchen, und alle sehen darin aus wie Kinder, die sich am Kleiderschrank der Eltern bedienten, um Erwachsene zu spielen.

Sie versuchen, forsch zu sein, was aber an ihrer Unsicherheit scheitert und sie denkbar unforsch wirken lässt. Vermutlich merken sie das. Doch statt sich ihres wahren Selbst zu besinnen, legen sie dann noch eine Schippe drauf und präsentieren sich noch lächerlicher als zuvor.

Den jungen Leuten ist nichts vorzuwerfen. Sie sind in diese Welt hineingewachsen. Schule, Elternhaus, Gesellschaft, alle erwarten etwas von ihnen. Erfolg sollen sie haben, Karriere machen, viel Geld verdienen, ein Teil dieses weltumspannenden Gespinsts des Banken- und Börsenwesens werden, das unsere Geschicke mehr leitet als alle Politikerinnen, Politiker und Götter dieser Welt.

Soweit die Theorie. In der Praxis steht nun solch ein Menschlein in seinem Anzug an einem Bankschalter und blickt in die müden Augen einer alten Frau. Eine ganze Weile war sie angestanden, es fiel ihr schwer, doch eine Sitzgelegenheit war nicht vorhanden.

Dann war sie an der Reihe. Zitternd legte sie ihre Bankkarte auf den Tresen; die ganze Zeit hatte sie sie in der rechten Hand umklammert gehalten. Dann sagte sie mit leiser, brüchiger Stimme: „Ich bräuchte bitte zwanzig Euro.“

Zwanzig Euro. Sie wusste gewiss, zwanzig Euro sind in dieser Welt nicht viel Geld, doch es gibt Welten, in denen zwanzig Euro ein kleines Vermögen darstellen. Das aber ist nicht die ihres Gegenübers, des Jungens im Anzug. Und der hatte offensichtlich nie gelernt, dass solche Welten existieren. Er entgegnete nämlich kühl und befremdet: „Wir haben hier kein Bargeld, da müssen Sie da vorne an den Geldautomaten gehen“, und schob ihr fast schon angewidert die Karte wieder hin. Die alte Frau sah ihn hilflos an und begann noch mehr zu zittern. Vermutlich spürte sie die Ausweglosigkeit ihrer Lage, das sagten ihr ihre lange Lebenserfahrung und ihre Menschenkenntnis. Dennoch, oder vielleicht deswegen, stammelte sie leise: „Entschuldigen Sie, aber ich tue mir damit so schwer. Könnten Sie nicht vielleicht ...“, und hielt dem Jungen die Karte wieder hin.

Der sah seine Chance gekommen. Endlich einmal konnte er seine Macht ausspielen. Endlich zeigen, wer er ist. Endlich hineinwachsen in den Anzug der Erwachsenen. Er baute sich auf, blickte über die vielleicht 1,62 große Frau hinweg in die große weite Welt, räusperte sich und raunzte spöttisch: „Nee, das ist nicht meine Aufgabe. Damit müssen Sie allein klarkommen.“

Nun wissen Sie, warum ich den Jungen am Anfang als Schnösel bezeichnete. Kleines Arschloch wäre treffender gewesen. Diese Geschichte, die ich vor Jahren erlebte, ging übrigens gut aus. Es fand sich ein Grüppchen Anwesender, die den Schnösel nötigten, der Frau am Automaten zu helfen.

Mir fiel das Erlebnis wieder ein, als ich von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeiers Vorschlag hörte, eine „soziale Pflichtzeit“ einzuführen. Ein Zeitraum, in dem Menschen die Realität anderer kennenlernen. Anderer, die unserer Hilfe bedürfen. Eine prima Idee.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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