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Grand Canyon: „Wie im Pfälzerwald“, dachte ich mir, „nur größer.“
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Grand Canyon: „Wie im Pfälzerwald“, dachte ich mir, „nur größer.“

Kolumne

Eine andere kleine Welt: Von Suchmaschinen und dem Sinn des Lebens

  • Michael Herl
    VonMichael Herl
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Schade, dass sich mit einer Suchmaschine nicht das Glück finden lässt. Stattdessen führt sie zu Dingen, die man gar nicht finden wollte. Die Kolumne.

Eigentlich ist es ja eigenartig, dass jemand für das Suchen eine Maschine erfand. Was soll sie können? Würde sie einem dabei helfen, das Glück zu finden, wäre das ja famos. Oder den Sinn des Lebens. Ihn zu finden, wäre vielleicht aber auch ernüchternd. Denn der Sinn des Lebens könnte ja strunzlangweilig sein. Und ihn zu kennen, würde uns das Leben womöglich noch sinnloser vorkommen lassen.

Es ist ja immer so eine Sache mit den Erwartungen. Das ist wie mit dem Grand Canyon. Als ich den zum ersten Mal sah, war ich enttäuscht. „Wie im Pfälzerwald“, dachte ich mir, „nur größer.“ Oder Peters Oma. Schon über achtzig war sie und noch nie am Meer gewesen. Also setzte Peter sie ins Auto und fuhr mit ihr an die Nordsee. Da stand sie nun, die Oma. 1,53 groß, etwas verhutzelt, zitterig, doch mit klarem Verstand. Forschend ließ sie ihren Blick über die endlose Weite des Meeres schweifen – um schließlich fast ein wenig vorwurfsvoll zu sagen: „Ich hab’s mir größer vorgestellt.“

Plädoyer gegen die Suchmaschine: Wenn Suchen reizvoller ist als Finden

Häufig reicht halt die Realität längst nicht an die Fantasie heran. So kann auch das Suchen reizvoller sein als das Finden. Man kennt das ja von Ostern. Wie armselig wäre doch eine Eiersuchmaschine. Oder wie viele Eheleute erinnern sich wehmütig an die Zeit, als sie noch auf der Balz waren und mit einer Neueroberung nachts im Bett nach vollzogenem Beischlaf kalte Ravioli aus der Dose aßen. So etwas macht man im späteren Alltag doch eher selten. Andererseits wäre der Ratschlag, es mal wieder zu tun, von eher fragwürdigem paartherapeutischem Wert – von ernährungsphysiologischem sowieso.

Sei’s drum. So jedenfalls stierte ich auch unlängst wieder in eine Suchmaschine. Was ich suchte, weiß ich nicht mehr, vielleicht ein Rezept für Seeigel. Plötzlich jedoch stieß ich auf Lisa. Lisa saß in einem grauen Trägerhemdchen in einer Mansarde und schminkte sich. Plötzlich blickte sie mich an, sagte „guten Morgen“ und erzählte mir, dass letzte Nacht ein „brutal krasses Gewitter“ gewesen sei. Ich erfuhr, dass Lisa 27 ist und seit sechs Jahren dort unterm Dach wohnt. Lisa hat rot gefärbte Haare, einen schwäbischen Akzent und tat so, als würden wir uns schon ewig kennen.

Ergebnis einer Suche im Internet: Plötzlich in einer anderen Welt

Nach einer Weile merkte ich, dass außer mir noch andere da waren. Sie trugen Namen wie „Tomcat1981“, „19Oops“, „pati92“ oder „petermueller82“ und taten sehr vertraut miteinander. Gelegentlich ließen sie Lisa kleinere Beträge in Form sogenannter „Token“ zukommen, wofür sie sich artig bedankte. Offensichtlich war sie in finanziellen Nöten. Ich wollte auch was springen lassen, doch da ich grundsätzlich bar bezahle, war mir das nicht möglich.

Ich war also unversehens in eine andere kleine Welt geraten. Alle kennen sich dort, begrüßen sich jeden Morgen und schreiben, wie es ihnen gerade so geht – und bezahlen dafür, dass Lisa ihnen zuhört. Und wenn sie viele „Token“ geben, zieht Lisa ihr Hemdchen aus. Einmal gaben sie besonders viele, da nahm Lisa einen pinkfarbenen Gegenstand in der Form einer halben Giraffe zur Hand, rieb ihn mit einer glitschigen Flüssigkeit ein und … Da musste ich plötzlich an den Grand Canyon denken und verließ diese andere Welt. Manchmal wird man halt aus Enttäuschungen klug. Lisa habe ich seither nie wieder besucht. (Michael Herl)

Michael Herl ist Autor und Theatermacher. Vergangene Woche beschäftigte sich seine Kolumne mit der Rolle des Fernsehens.

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