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Ein Wort mit ppp

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Von: Manfred Niekisch

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Mit weitaus dramatischeren globalen Folgen ist zu rechnen, wenn Niederschläge und Temperaturen das irreversible Abschmelzen von Meereis und Gletschern zur Folge haben.
Mit weitaus dramatischeren globalen Folgen ist zu rechnen, wenn Niederschläge und Temperaturen das irreversible Abschmelzen von Meereis und Gletschern zur Folge haben. © Uk Antarctic Heritage Trust/afp

Die Systeme der Erde sind in Gefahr zu kippen – unwiederbringlich. Es ist erbärmlich, dass nicht alles getan wird, um das zu verhindern. Die Kolumne.

Es gibt nicht viele Wörter, die drei p hintereinander enthalten. Für manche gilt das erst seit der Rechtschreibreform 1996. Da lief die Dreikonsonantenregel zu neuer Höchstform auf. Krepppapier und Pappplakat hielten jedenfalls relativ lange die Spitzenplätze im Bekanntheitsgrad der Begriffe mit dieser orthografischen Besonderheit.

Kipppflug und Läpppaste entstammen dagegen eher dem ungewöhnlichen Vokabular spezieller Berufssparten. Doch nun taucht zunehmend ein Wort auf, das in der Häufigkeit seiner Verwendung all die anderen ppp-tragenden Benennungen bei weitem übertrifft. Es ist das moderne Wort Kipppunkt.

Der Grund für diese Karriere ist durchaus besorgniserregend. Denn aus immer mehr Bereichen der Wissenschaft kommen Meldungen, dass irdische Systeme an solche Kipppunkte zu gelangen drohen oder dort schon angelangt sind. Gletscherkunde, Meereswissenschaften, Klimaforschung, Ökologie, diese alle und andere, vereint unter dem großen Dach der Erdsystemforschung, warnen davor, was aus der jeweiligen fachdisziplinären Sicht die Folgen sind oder wären, wenn Kippunkte erreicht und überschritten werden. Dann gibt es kein Zurück mehr.

Ein noch recht einfacher Fall ist es, wenn von einer Tierart nur noch so wenige Exemplare übrig sind, dass die Population nicht mehr überlebensfähig ist. Das ist schon schlimm genug, aber mit weitaus dramatischeren globalen Folgen ist zu rechnen, wenn Niederschläge und Temperaturen das irreversible Abschmelzen von Meereis und Gletschern zur Folge haben. Genau so, wie es beim Eisschild Grönlands und der Antarktis gerade im Gange ist. Völlig unbekannt ist dabei, was unter dem Eispanzer passiert, wenn ihn Schmelzwasser unterläuft.

Es ist auch nicht unrealistisch anzunehmen, dass die Schäden an den tropischen Wäldern in manchen Regionen den Kipppunkt schon erreicht haben. Wie in Amazonien, wo Bäume absterben, weil sie mit der dort eingetretenen Trockenheit nicht zurechtkommen. Wiederaufforstung auf vom jahrzehntelangen Sojaanbau verwüsteten Flächen ist illusorisch. Für Korallenriffe, deren Absterben weltweit zu beobachten ist, scheint vielerorts die Schwelle überschritten, an der Regeneration noch möglich ist. Ob das Auftauen der Permafrost-Böden zu stoppen ist? Sehr unwahrscheinlich! Und wie instabil wird der Golfstrom weiter werden? Was folgt dann?

Es gibt reichlich Szenarien dafür, was sich verändern wird, wenn Klimawandel und Biodiversitätsverlust Systeme über die Kipppunkte hinaustreiben. Die Folgen und zeitlichen Abläufe bleiben teilweise im Ungewissen, doch ziehen Gefahren herauf, die für die menschliche Bevölkerung von lokal bis global existenziell bedrohlich werden.

Da ist es schon erbärmlich, dass auch in unserem Land nicht alles getan wird, um zu verhindern, dass Kipppunkte erreicht werden. Das reicht vom FDP-Verkehrsminister, der das Tempolimit verhindert und die Verkehrswende nicht einleitet, geht weiter über die halbherzig begonnene Ökologisierung der Landwirtschaft, eine unentschlossene Klimapolitik und all die anderen versäumten Möglichkeiten, um das globale 1,5-Grad-Ziel halten zu helfen. Es ist kein Trost, dass manch anderes Land noch schlechter dasteht. Solche Vergleiche sind untauglich. Anderswo gibt es womöglich auch keine Dreikonsonantenregel.

Manfred Niekisch ist Biologe und ehemaliger Zoodirektor.

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