Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Deutschland gegen Italien im Halbfinale der Weltmeisterschaft 1970. Uwe Seeler (l) begrüßt Giacinto Facchetti (r).
+
Deutschland gegen Italien im Halbfinale der Weltmeisterschaft 1970. Uwe Seeler (l) begrüßt Giacinto Facchetti (r).

Kolumne

EM 2021: Jetzt haben sie mir noch den Fußball genommen

  • Michael Herl
    VonMichael Herl
    schließen

Ein Auto ist überflüssig. Auch Fleisch muss nicht sein. Aber jetzt auch noch der Fußball? Ein Blick auf die EM von Michael Herl.

Eigentlich ist es ja so wie mit vielem anderen. Nehmen wir doch nur einmal das Autofahren. Was fuhr ich früher gerne Auto! Mein erstes eigenes, ein VW-Bus Baujahr 66 für 200 Mark, brachte mich nach Südfrankreich, Spanien und Italien, nach Kusel, Marburg und Amsterdam. Ein Stück Freiheit mit 34 PS.

Dann der ehemalige Krankenwagen, ein Mercedes „Strich-Acht“ 240 D, 65 PS. Etwa zehn Jahre später das letzte emotionsgeladene Kraftfahrzeug, wiederum ein alter Benz, nun ein 280 E mit 185 PS. Was für ein Wahnsinn für einen linken Umweltschützer – doch es war normal. Die Vernunft tröpfelte nur langsam herbei.

EM 2021: Der Fußball entwickelt sich wie einst die Liebe zum Autofahren

Schließlich, vor mehr als zwanzig Jahren, die Erkenntnis: Es muss auch ohne gehen. Das tat es. Mit Fahrrad, Bahn und gelegentlich etwas Carsharing. Einen eigenen Haufen Metall vor der Haustür stehen zu haben, wäre mir heute unvorstellbar.

Oder das Fleischessen. Was aß ich früher gerne Fleisch! Schon als Kleinkind das Rädchen Wurst von der Metzgersfrau, dann die Braten bei der Mutter, die Gänse zu Weihnachten, die Schlachtfeste in der Pfalz, die Balkanplatten beim Jugoslawen, die Schweinshaxen in der Wirtschaft, meterlange Rollbraten, Leberknödelberge, Metzelsuppenmeere … Es war halt normal. Die Vernunft tröpfelte nur langsam herbei.

EM 2021: Was ich Fußball früher liebte

Es begann mit der wachsenden Abkehr von Produkten aus der Massentierhaltung; heute verzehre ich viel weniger Fleisch, und das auch nur, wenn ich seine Herkunft genau kenne. Nicht auszuschließen, dass ich bald ganz darauf verzichte. Früher hätte ich jeden augenblicklich aufgegessen, der mir das einmal prophezeit hätte.

Oder halt der Fußball. Was liebte ich früher den Fußballsport! Ich erinnere mich an meinen Heulkrampf, als die Deutschen bei der WM 1970 in Mexiko 3:4 nach Verlängerung gegen die Italiener verloren. Gut, ich war auch übermüdet. Das Spiel ging bis zwei Uhr morgens, sehr spät für einen Zehnjährigen.

EM 2021: Fußball rangiert gleichauf mit dem Fernsehgarten

Aber Fußball, das war mir alles. Ich kannte die Namen nahezu aller Bundesligaspieler, jedes Spiel im Fernsehen habe ich mir angesehen. Das ging noch sehr lange Zeit. Erst ab etwa Mitte der Neunziger tröpfelte so langsam die Vernunft herbei. Die Kommerzialisierung nahm Überhand, betrunkene Horden mit Deutschlandfahnen wälzten grölend durch die Städte, in den Stadien wurden Spieler als „Schwuler“ oder „Jude“ beschimpft und Dunkelhäutige mit Affenlauten beleidigt. Irgendwann reichte es mir.

Mittlerweile rangiert eine Fußballübertragung in meiner Gunst ungefähr gleichauf mit dem „ZDF-Fernsehgarten“ – also unter null. Und neben Standardsauereien wie der Vergabe einer Weltmeisterschaft nach Katar gibt es ständig neue Gründe für ein weiteres Absinken.

Fußball-EM 2021: Ein widerliches Ganzes

Ganz aktuell: Ungarische Zuschauerinnen und Zuschauer buhen bei der EM 2021 irische Spieler wegen antirassistischer Aktionen aus, kroatische Kicker verweigern den Kniefall gegen Rassenhass, die Reanimation eines Spielers ist kein Grund für einen sofortigen Abbruch des Matchs, die Verbände begrüßen es, dass der ungarische Despot Viktor Orbán das Budapester Stadion trotz Corona pickepacke mit Publikum vollpackt – all das sind Kleinigkeiten, die ein widerliches Ganzes ergeben.

Fazit: Ein Auto ist vollkommen überflüssig, auch Fleisch muss nicht sein. Aber dass sie mir den Fußball genommen haben, ist wirklich bedauerlich. (Michael Herl)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare