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Für die äthiopische Regierung sind alle, die hinter Tigrays Volksbefreiungsfront TPLF stehen, „Terroristen“ – mehr als 90 Prozent der Provinzbevölkerung.
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Für die äthiopische Regierung sind alle, die hinter Tigrays Volksbefreiungsfront TPLF stehen, „Terroristen“ – mehr als 90 Prozent der Provinzbevölkerung.

Kolumne

Ein Begriff, der nichts begreift

  • Johannes Dieterich
    VonJohannes Dieterich
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Wenn es stimmt, was Regierungen sagen, ist die Welt voller „Terroristen“. Aber dieses Wort klärt nichts. Es verschleiert nur die Mitverantwortung für die Gewalt. Die Kolumne.

Hier ein Gelübde. Nie wieder werde ich über „Terroristen“ ohne Anführungsstriche schreiben. Das wird meine Texte deutlich verlängern, denn von „Terroristen“ ist auf dem afrikanischen Kontinent allerorten die Rede.

Sie morden in der Sahelzone und wollen im Norden Nigerias einen Gottesstaat errichten. In Somalia kämpfen sie gegen eine korrupte, vom Westen am Leben erhaltene Regierung und im Norden Mosambiks versuchen sie, eines der größten Erdgasprojekte der Welt zu verhindern. Für die äthiopische Regierung sind alle, die hinter Tigrays Volksbefreiungsfront TPLF stehen, „Terroristen“ – mehr als 90 Prozent der Provinzbevölkerung.

„Terroristen“ sind offenbar alle, die einen für sie unerträglichen Status quo mit gewalttätigen Mitteln zu bekämpfen suchen: Für Margret Thatcher war auch Nelson Mandela ein „Terrorist“.

Das Gute an „Terroristen“ ist, dass man mit ihnen nicht reden muss. „Terroristen“ setzt man in Käfigen fest oder „schaltet sie aus“, am sichersten aus der Luft mit einer Drohne. „Mit Terroristen verhandelt man nicht“ ist zu einem Allgemeinplatz der internationalen Diplomatie geworden,

Will man jemanden zum Abschuss freigeben, erklärt man ihn zum „Terroristen“. Was ihn dazu brachte, seine Hacke gegen eine Machete oder die Kreide gegen eine Kalaschnikow auszutauschen, interessiert nicht – auch wenn sein mörderisches Verhalten ausgerechnet von den Versäumnissen der Regierungen ausgelöst wurde, die ihn für vogelfrei erklären.

Der südafrikanische Ex-Banker Stephen McGowan lebte fast sechs Jahre lang unfreiwillig mit „Terroristen“ zusammen: Er war von Kämpfern der „Al Kaida im Maghreb“ als Geisel genommen worden. Anders als seine zwei Leidensgenossen verzehrte sich der Südafrikaner nicht im Selbstmitleid, von „Terroristen“ um sein freies Leben beraubt worden zu sein: Er nutzte die unendlich lange Zeit in der Wüste, um Arabisch und Französisch zu lernen, trat zum Islam über und setzte sich – unter welchen ungleichen Bedingungen auch immer – mit seinen Peinigern auseinander.

„Das hat meine Lage grundsätzlich verändert“, sagt der heute 46-Jährige. Experten mögen von der zweckdienlichen Solidarisierung des Opfers mit den Tätern oder vom Stockholm-Syndrom sprechen: Für Stephen McGowan war das Verstehen seiner Peiniger die Voraussetzung für sein geistiges Überleben.

Damit soll der islamische Extremismus nicht verharmlost werden. Als schwäbischer Pietistensohn weiß ich, wie verheerend religiöser Fanatismus ist: Statt aufrechter und empathischer Persönlichkeiten bringt er gebrochene und neurotische Kreaturen hervor. Dass machtgeile Geistliche ihren Jüngern die Länge ihrer Hosen und ihrer Gebete vorschreiben sowie Frauen zum Abbruch ihrer Schulbildung zwingen, hat in einer menschenfreundlichen Welt gewiss nichts zu suchen.

Doch den Kampf gegen die pervertierten Emire und Mullahs haben nicht internationale „Terrorbekämpfer“ mit ihren Drohnen, sondern die betroffene Bevölkerung selbst zu führen. Auch ich hätte jede Besucherin vom Sozialamt – hoffentlich – zum Teufel geschickt, wenn sie meine Eltern zu „Terroristen“ erklärt und zum Abschuss freigegeben hätte. Und obendrein: Wie heuchlerisch das Washingtoner Weltsozialamt in Wahrheit ist, hat es dieser Tage einmal mehr bewiesen.

Johannes Dieterich berichtet für die FR aus und über Afrika.

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