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„Jeder hat das Recht auf Bildung“, heißt es schließlich im Artikel 26 der UN-Menschenrechtscharta. (Symbolbild)
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„Jeder hat das Recht auf Bildung“, heißt es schließlich im Artikel 26 der UN-Menschenrechtscharta. (Symbolbild)

Kolumne

Ein Beduinendorf macht Schule

  • Inge Günther
    vonInge Günther
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In der Westbank bauen Eltern, Schülerinnen und Schüler ihre eigene Schule. Doch die wird nun von israelischen Bulldozern bedroht. Die Kolumne.

Noch steht die Schule. Aber einige Kids aus dem Beduinendorf Ras at-Tin kommen schon vor Unterrichtsbeginn her, um sich zu vergewissern, ob alles in Ordnung ist und kein Bulldozer in Sicht. So wie die 14-jährige Nour Abu Scheich, die auch mit anpackt, wenn samstags alle zusammen ihre Schule putzen.

Nach westlichen Maßstäben ist der mit Wellblech überdachte Flachbau auf einem Wüstenhügel inmitten des Westjordanlandes kaum mehr als eine Baracke. Fünfzig Schüler und Schülerinnen aus neun Jahrgängen müssen sich fünf winzige ebenerdige Klassenzimmer teilen. Doch ihre Motivation ist enorm und die ihrer Eltern auch.

Sie haben die Schule letzten Sommer in Eigeninitiative errichtet, damit ihre Kinder nicht länger täglich zu Fuß über Stock und Stein in den sieben Kilometer entfernten Ort Muraije pilgern müssen. Die Jüngsten waren dem meist nicht gewachsen. Die Älteren wie Nour kamen zu erschöpft heim, um noch ordentlich Hausaufgaben zu erledigen.

Für das Selbsthilfeprojekt gab es 30 000 Euro aus europäischen Fördertöpfen. „Jeder hat das Recht auf Bildung“, heißt es schließlich im Artikel 26 der UN-Menschenrechtscharta. Nur, das Schulgrundstück, obgleich in palästinensischem Privatbesitz, liegt im C-Gebiet: jenen sechzig Prozent der Westbank, in denen Israel laut Osloer Verträgen das Sagen hat. Kurzum, jüdische Siedler:innen dürfen bauen, ortsansässige Palästinenser:innen so gut wie nicht. Jedenfalls soll die Schule in Ras at-Tin weg. Dagegen klagt das Dorf, unterstützt von Bürgerrechtsorganisationen wie B’Tselem und Bimkom, derzeit vor dem Jerusalemer Bezirksgericht. Die Chancen, den Schulbau nachträglich genehmigt zu bekommen, stehen schlecht. Aber statt eines gewissen Mr. Trump regiert ja nun Joe Biden im Weißen Haus. Warum die Supermacht USA ein paar Dutzend Hirtenfamilien beispringen sollte? Weil es im Nahostkonflikt immer um mehr geht.

Washington lehne „jegliche Schritte ab, die eine Zwei-Staaten-Lösung weiter außer Reichweite rücken“, wandte sich das US-Außenamt diese Woche gegen neue israelische Siedlungspläne. Ob das international favorisierte Lösungsmodell noch realisierbar ist, mag man bezweifeln. Aber entscheiden wird sich die Frage in den C-Gebieten, die sich Israels Nationalrechte einverleiben möchten. Nach deren Maßgabe ist für palästinensische Entwicklung dort kein Platz.

Neben Ras at-Tin sind über zwanzig weitere Schulen in den C-Gebieten in Gefahr, demoliert zu werden. Die Zahl zerstörter palästinensischer Wohnhäuser hat seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie sogar einen Vierjahreshoch erreicht. Hat ja keiner so genau hingeschaut. Als kürzlich allerdings die israelische Armee Zelte beschlagnahmte – gedacht als Notunterkünfte in dem mehrfach abgerissenen Beduinendorf Khirbet Humsa im nördlichen Jordantal – war zufällig eine EU-Delegation vor Ort. Ihre Botschafter:innen haben protestiert, auch die deutsche.

Den skandalösen Fall griffen ebenso 442 europäische Abgeordnete in einem Appell an Brüssel auf, sich mit der Biden-Regierung angesichts Israels fortgesetzter „de facto Annexion“ stärker in Nahost zu engagieren. Weit prekärer noch ist aus israelischer Sicht, dass die Chefanklägerin beim Internationalen Strafgericht in Den Haag, Fatou Bensouda, in ihre gerade eingeleiteten Ermittlungen über mögliche Kriegsverbrechen in Gaza und Westbank die Siedlungsfrage einbeziehen will.

Umso mehr interessiert man sich in Ras at-Tin nun für Weltpolitik. Die Kinder dort kriegen das quasi in der Schule mit.

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