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Ehrlich vorstellen

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Von: Maren Urner

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Die Weltbevölkerung wächst den Daten zufolge aktuell jedes Jahr um rund 1,09 Prozent, zwischen 1965 und 1970 betrug der jährliche Zuwachs noch 2,05 Prozent.
Guten Tag, ich bin verlogen, käuflich und feige. © Lukas Schulze/dpa

Was macht uns aus? Titel, Besitz oder unsere Handlungen? Die beginnen im Kopf.

Guten Tag, ich bin verlogen, käuflich und feige.“ Egal in welcher Situation – ob am Rednerpult, auf der Familienfeier oder von der Kanzel herunter – würde sich jemand so vorstellen, wären wir zunächst wohl vor allem eins: verwirrt. Keine der drei erwähnten Eigenschaften ist erstrebenswert, geschweige denn wünschenswert oder vorstellungswürdig.

Vielleicht wären wir je nach Situation gar ein wenig amüsiert. Wie oft haben wir uns schon angesichts fauler Versprechen, korruptem Verhalten und fehlenden Mutes über Politiker:innen, Unternehmer:innen und Menschen generell geärgert? Oder anders gefragt: Wie sehr haben wir uns daran gewöhnt – halten es gar für normal –, dass Menschen sich zwar wie in der ausgedachten Begrüßung verhalten, aber niemals so vorstellen würden? Spätestens von einem gewissen Grad der Verantwortung an beziehungsweise von einer gewissen Machtposition an ist doch völlig klar, dass man anders sein muss, um dort hinzukommen.

Wir haben uns also eine Kultur mit entsprechender Kommunikation geschaffen, in der wir zwar Ehrlichkeit als Wert loben, aber gleichzeitig wissen, dass sie spätestens bei den wirklich großen Fragen und Diskussionen maximal ein frommer Wunsch ist.

Hinzu kommt, dass wir aus der Psychologie und der Verhaltensforschung wissen: Niemand – von wenigen pathologischen Fällen abgesehen – will ein:e Lügner:in sein. Also bleibt zu fragen: Wie irre sind wir eigentlich, dass wir nicht nur uns, sondern auch andere und die Welt allgemein ständig selbst belügen?

An dieser Stelle könnte ein ausführlicher Exkurs in die Tiefen unserer Hirnwindungen, gesellschaftliche Strukturen und Verstärkungen erfolgen, um sich einer Antwort auf die Schuldfrage möglicherweise anzunähern. Stattdessen möchte ich einen anderen – ganz naiven – Weg vorschlagen. Einen, der nach vorn zeigt und bei dem wir uns fragen: Wie wollen wir uns vorstellen?

Dieser Weg beginnt bei der Frage, was uns eigentlich wirklich ausmacht. Wollen wir uns primär über gesellschaftlich anerkannte Titel definieren und entsprechend als Professor:in, Leutnant:in oder Abgeordnet:e vorstellen? Oder wollen wir uns vor allem über unsere Besitztümer präsentieren?

Frei nach dem Motto „Willkommen, ich bin Susanne Kant und habe ein Vermögen von über 20 Milliarden US-Dollar.“ Oder „Hallo, ich bin Raphael Pelzmer und habe fünf Jahre ohne Geld gelebt.“

Titel und Besitztümer sind natürlich Teil von uns, geben uns Sicherheit und bestimmen unser Leben mit. Doch hängen sie stets – und damit stärker, als wir im Alltag häufig anerkennen – von kulturgesellschaftlichen Absprachen ab.

So bekommt die Professorin im Dschungel nicht automatisch einen Platz in der ersten Reihe, und jeder Euro auf dem Konto beziehungsweise im Computer basiert am Ende des Tages auf nichts weiter als Vertrauen. Dem Vertrauen, dass er auch morgen noch von den Mitmenschen als Gegenwert für Haus, Hof und Hafer akzeptiert wird. Titel und Besitztümer sind also stets zeitlich und räumlich begrenzt.

Das Einzige, was wir wirklich besitzen und das damit das Zeug zu einer ehrlicher Vorstellung unser selbst hat, steht auf keiner Visitenkarte und keinem Vermögensindex. Es sind unsere Handlungen. Die beginnen stets im Kopf.

Denn jeder Gedanke verändert unser Gehirn. Sie gehen weiter über unsere Kommunikation. Jeder Satz verändert andere Gehirne. Sie enden bei der Tür, die wir aufhalten oder zufallen lassen. Denn jede Aktion verändert unsere Vorstellung von dem, was wahr ist, was möglich ist und wie wir sein wollen. Wir müssen nur wagen, uns ehrlich vorzustellen.

Maren Urner ist Professorin für Medienpsychologie und Neurowissenschaftlerin.

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