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Ego und Denken

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Von: Joane Studnik

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Am Ende zeigte sich, dass das Gehirn des Neurowissenschaftlers James Fallon auch nicht größer war als das eines Killers.
Am Ende zeigte sich, dass das Gehirn des Neurowissenschaftlers James Fallon auch nicht größer war als das eines Killers. © Oliver Berg/dpa/Symbolbild

Auch Forschende können Vorurteile haben. Allerdings müssen auch ihre Ergebnisse wissenschaftlichen Kriterien genügen. Die Kolumne.

Während der Lektüre des 500-Seiten-Wälzers „Hormongesteuert ist immerhin selbstbestimmt“ plagten mich leichte Kopfschmerzen. Das Thema ist so komplex wie spannend – und der Anlass für mein Mittagessen mit Bestsellerautorin Franca Parianen.

Die Hirnforscherin und Science-Slammerin erzählt mir vom Neurowissenschaftler James Fallon, der vor einigen Jahren unbedingt beweisen wollte, dass kriminelle Hirne kleiner seien als der Durchschnitt. Dann habe sich herausgestellt, dass sein eigenes Gehirn auch nicht größer als das eines Killers war.

Selbst renommierte Forschende geben sich also der Lächerlichkeit preis, wenn sie von Vorurteilen oder sturer Wissensverweigerung getrieben sind, etwa nach dem Motto: „Wir wissen ja, dass Frauen dümmer sind, also wie beweisen wir das am schönsten?“

Den Schaden tragen diejenigen, gegen die sich die Vorurteile richten. „Es ist irritierend, wie das Leute in der Forschung machen können, die tatsächlich Verantwortung für Menschen haben“, sagt Franca Parianen und bezieht sich dabei auf einen bekannten Münchner Jugendpsychiater, der gegen alle wissenschaftliche Erkenntnisse Trans-identität als Modephänomen verwirrter Kinder verhöhnt. „Sie kommen zu ihm, brauchen Hilfe, und er sagt: Ihr seid Teil des Problems.“

Als Wissenschaftlerin erkennt Franca Parianen die immergleichen Argumentationsmuster gegen die Selbstbestimmung von Transpersonen. Als einzig gültige Definition von Geschlecht lassen Genderkritiker:innen menschliche Keimzellen gelten. „Sie funktioniert ja auch in der Biologie. Aber es ist nicht die einzige.“

Für die Forschung mindestens ebenso relevant sei die Erfassung von Geschlechtsmerkmalen, die auch Persönlichkeit oder Verhalten mit einschließt. „Kein einziges neurowissenschaftliches Experiment beginnt damit, dass man die Leute fragt: Welche Art von Keimzellen produzieren Sie eigentlich?“

Genderkritiker:innen reduzieren die Betrachtung auf einen Teilaspekt, wollen dann aber bei allem mitreden. Gesellschaft, Gesetze, alles soll sich ihrer Sichtweise unterordnen. Mit Absicht werde da wissenschaftlich unsauber argumentiert: „Das ist nicht, wie Wissenschaft funktioniert oder jemals funktioniert hat“, sagt Parianen.

Diskussionen müsse man führen, Fortschritt entstehe aber dadurch, „dass wir oft Sachen revidieren müssen“. Für besonders problematisch hält Parianen, Wissensverweigerer:innen immer wieder einzuladen – mit der Rechtfertigung: Wir brauchen doch den Dialog.

Welche unangenehmen Folgen Wissensverweigerung haben kann, erfuhr Max von Pettenkofer am eigenen Leib. Der damalige Chef der Bayerischen Akademie der Wissenschaften glaubte vor 130 Jahren, Cholera werde durch üble Dämpfe ausgelöst. Zum Beweis trank er ein Glas mit Vibrio cholerae. Auch der Durchfall seines Lebens lehrte den Forscher nicht eines Besseren.

Vielleicht ist der Mensch zu beschränkt, sich selbst vorurteilsfrei zu reflektieren? Parianen formuliert es so: „Das Gehirn ist unglaublich verwoben mit dem Ego.“ Mehr als ihr Ego bewegt Parianen der Hang zum Teilen, der Öffentlichkeit aus der Welt der Hirn- und Hormonforschung zu erzählen.

Leserinnen und Leser wenden sich direkt an sie mit konkreten Fragen zu PMS oder zu hormoneller Transition, die sie selbst nicht beantwortet – aber als Wissenschaftlerin findet sie dann doch eine Studie, die den Fragenden vielleicht weiterhilft. „Das bekommt man nicht in der Wissenschaft, das Gefühl, dass man einen positiven Einfluss auf jemandes Leben hat.“

Joane Studnik ist Autorin.

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