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Schon der Lehrer in der Volksschule hat uns streng klassifiziert. Daran hat sich wenig geändert.
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Schon der Lehrer in der Volksschule hat uns streng klassifiziert. Daran hat sich wenig geändert.

Kolumne

Dumme und G’scheite

  • Michael Herl
    VonMichael Herl
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Schon der Lehrer in der Volksschule hat uns streng klassifiziert. Daran hat sich wenig geändert. Die Kolumne.

Eigentlich – auch wenn ich seit letztem Jahr für meine Bahncard nur noch die Hälfte bezahlen muss (was ich nicht wusste und mich daher umso mehr erfreute) – bin ich ja vom Greisenalter weit entfernt. Grad mal ein wenig über sechzig, das ist doch heutzutage nicht wirklich alt. Dennoch komme ich mir manchmal vor wie ein Methusalem, besonders wenn ich Jüngeren von früher berichte. Das hat dann immer ein bisschen was von „Opa erzählt aus dem Krieg“.

Für große Verwunderung sorgt zum Beispiel beständig meine Schilderung, wonach in der Volksschule, wie die Grundschule damals hieß, unsere Klasse zweigeteilt wurde. Vom Lehrer aus links saßen etwa 25 Schüler. Das waren „die Dummen“, wie er uns wissen ließ. Dann war da eine imaginäre Grenze, und die fünfzehn Knaben rechts davon bildeten „die „G‘scheiten“.

Die Klassifizierung dieser Zweiklassenklasse hatte er nach eigenem Dünken vorgenommen – und sie war unverrückbar. Egal was da kommen sollte, die rechts wechselten nach der Vierten aufs Gymnasium, die links zur Hauptschule – oder in die „Dummschule“, wie die Sonderschule auch vom pädagogischen Personal genannt wurde.

Innerhalb der Gruppe der „Dummen“ gab es noch eine weitere Kaste, die unterste. Sie wurde von einem halben Dutzend Jungen aus dem benachbarten Waisenhaus gebildet. Die wurden nicht nur automatisch nach links gesetzt, sondern bereits bei der Einschulung mit dem Stempel „Dummschule“ versehen. Man hatte schließlich seine Erfahrungen, „das hammer schon immer so gemacht“.

„Schon immer“ hieß in dem Fall vor 1945. Die meisten Lehrer waren mit der Ungnade der frühen Geburt versehen. Gendersternchen erübrigen sich übrigens an dieser Stelle, denn der Lehrkörper bestand ausschließlich aus Männern, häufig kriegsversehrt und kriegsverhärmt – aber streng gottesfürchtig.

Das zu erwähnen ist wichtig, war doch Faxenmachen beim Beten der einzige Grund, auch uns „G‘scheiten“ mal einen Hieb mit dem Rohrstock zu verpassen. Die „Dummen“ hingegen wurden ständig und schon aus niedereren Anlässen verprügelt. Die Waisenhäusler kriegten die Schläge gerne mal grundlos ab.

Einige Jahre später geriet ich in Kreise, in denen ich mich prinzipiell noch heute befinde. Wir verstanden uns als links und traten ein für eine Welt, in der alle gleich sind. Davon träume ich nach wie vor.

Doch auch wenn ich in der heutigen Gesellschaft immer noch vom Lehrer aus rechts sitze, habe ich begriffen, dass nie alle gleich sein werden. Denn geändert hat sich nichts.

Zwar werden Grenzen nicht mehr offiziell gezogen und Menschen nicht mehr als dumm oder g’scheit gebrandmarkt. Und körperliche Züchtigung Schutzbefohlener ist in Westdeutschland seit 1973 verboten, in der DDR übrigens bereits seit 1949. Doch die Unterschiede gibt es nach wie vor. Sie sind sogar noch krasser als früher. Sie schleichen subtiler daher. Geprügelt wird ohne Stock, geschrien ohne Ton und gezüchtigt durch unterlassene Hilfe.

Die heutigen Klassifizierungen bemerken nur noch die Betroffenen selbst. Etwas offensichtlicher werden sie erst bei Anlässen wie den Corona-Lockdowns. Denn deren Folgen könnten unterschiedlicher kaum sein: Die „Dummen“ haben nichts mehr zu fressen – und die „G‘scheiten“ gehen in Therapie.

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