1. Startseite
  2. Meinung
  3. Kolumnen

Düstere Vorzeichen

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Johannes Dieterich

Kommentare

Was bedeutet es, wenn Kinder und Jugendliche mit Corona aufwachsen?
Was bedeutet es, wenn Kinder und Jugendliche mit Corona aufwachsen? © Eibner-Pressefoto/dpa

Wie fühlt es sich an, in Zeiten von Pandemie, Krieg und Klimawandel erwachsen zu werden? Die Kolumne.

Mein Vater überreichte dem letzten württembergischen König Wilhelm II. einen Blumenstrauß, erinnerte sich an die Bombenangriffe im Ersten Weltkrieg und überlebte den Zweiten Weltkrieg zumindest körperlich unversehrt. Nach Kriegsende hatte er das Glück, einen Job als Lehrer zu ergattern – und danach ging’s nur noch aufwärts. Studienrat, Oberstudienrat, Studiendirektor. Seine Frau gebar ihm fünf Kinder, das letzte war ich. Sein erstes Auto war ein Käfer – erst noch mit kleinem Rückfenster, dann schon mit großem –, danach zwei Variant 1600 und zur Krönung einen Passat.

Erste Zweifel am unbegrenzten Wachstum mussten meinem Vater bei der Lektüre des „Club of Rome“-Berichts Anfang der 1970er-Jahre gekommen sein: Damals geriet seine Fortschrittsgewissheit etwas ins Wanken. Doch weil die Prognosen noch relativ weit in der Ferne lagen, wuchsen wir munter weiter – was auch angenehm war. Mein Vater starb zu Beginn des neuen Jahrtausends: Schocks wie der Terror von 9/11, die Finanzkrise, die Corona-Pandemie, die Klimaerhitzung und der Krieg in der Ukraine blieben ihm gnädig erspart.

Unsereiner hat schon etwas weniger Glück. Die erste große Ernüchterung wartete ausgerechnet am Kap der Guten Hoffnung auf mich, wo ich mir ein glücklich-fortschrittliches Leben unter dem Regenbogen ausgemalt hatte. Stattdessen musste ich miterleben, wie die Dinge auseinanderfielen: Wie es ist, wenn der Staat bröckelt und sich partout keine gemeinsamen Visionen einstellen. Der Fortschritt blieb stecken, es folgte Verfall. Zu meinem Trost ist mein Leben weitgehend gelebt – eine der wenigen Erleichterungen, die das Alter mit sich bringt.

Und mein Sohn? Sein Leben begann statt im Zeichen des Wirtschaftswunders in dem des Niedergangs. Der verblassenden Regenbogennation, der Finanzkrise und vor allem der Corona-Pandemie. Letztere traf meinen Sohn genau zu der Zeit, in der für mich einst das wirkliche Leben begann, nach dem 18. Lebensjahr.

Und jetzt auch noch der Klimaschocker und Putins wahnsinniger Krieg. Wie muss sich ein Leben anfühlen, das unter solchen Vorzeichen beginnt? Ohne die vermeintliche Gewissheit, dass alles besser wird? Und ohne die Hoffnung, dass schließlich die Vernunft siegen wird? Wenn ein machtgeiler Despot einfach mal so Zigtausende von Menschen töten und dem Rest der Menschheit mit dem Einsatz von Atombomben drohen kann? Und wenn Mineralölmultis weiterhin beheizte Pipelines durch halb Afrika verlegen können – während die Wissenschaft dringend davor warnt, überhaupt noch neue Erdölfelder zu erschließen? Schon heute zeichnet sich ab, dass das erhitzte Weltklima bis Mitte dieses Jahrhunderts die magische Schwelle von zwei Grad überschreiten wird.

Was dann kommt, wissen wir alle – oder weiß niemand. Schließlich werden die Katastrophen dann immer unvorhersehbarer. Kürzlich rissen sintflutartige Regenfälle in der südafrikanischen Provinz KwaZulu-Natal mehr als 400 Menschen in den Tod. Wann und wo der nächste Orkan toben oder die nächste Dürre ausbrechen wird, weiß keiner. Nur dass das nächste Unheil noch schlimmer als das vorausgegangene ausfallen wird, wissen wir alle. Was tut man, wenn man unter solchen Vorzeichen erwachsen wird? Oder anders gefragt: Was würden Sie tun?

Johannes Dieterich berichtet für die FR aus und über Afrika.

Auch interessant

Kommentare