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Du Klappstuhl!

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Von: Michael Herl

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Eine Hans-Wurst.
Eine Hans-Wurst. © S. Steinach/imago

Beleidigungen sind nie etwas Schönes, aber dennoch Kulturgut. Manchen Menschen schmeicheln sie sogar. Die Kolumne.

Eigentlich haben Beleidigungen ihren miesen Ruf ja oft zu Unrecht. Denn eine Beschimpfung ist zwar nie etwas Schönes, doch brutalistische Bauten sind auch hässlich – und stehen dennoch häufig unter Denkmalschutz. Auf alle Fälle ist die Verlästerung ein Stück Kulturgut. Es gibt sogar viele Fachbücher mit Aufzählungen von Schimpfwörtern der unterschiedlichsten Provenienzen. Denn in jedem Zipfel der Welt wird sich mit einer Vielzahl von Ausdrücken verunglimpft. Man denke nur an „Flitzpiepe“ in Berlin, „Klappstuhl“ in Hamburg, „Hannebambel“ in Frankfurt oder „Bazi“ in München. Nicht zu vergessen die Jugend. Dort wird nicht beleidigt, sondern „gedisst“. Ein Vollidiot war dort einst ein „Horst“, später ein „Lauch“, dann ein „Dulli“ oder ein „Lowbob“ – aber auch all das ist heute schon von vorgestern, denn keine Sprache ist schnelllebiger als die der Alten von übermorgen.

Laut Strafgesetzbuch stellt die Schmähung ein „Ehrdelikt“ dar. Die „üble Nachrede“ und die „Verleumdung“ haben dort sogar eigene Paragrafen, nämlich die Nummern 186 und 187. Doch grau ist bekanntlich alle Theorie. Angesichts der ungeheuren Vielzahl täglich geäußerter Insultationen werden nur wenige zur Anzeige gebracht. 2016 waren dies in ganz Deutschland gerade mal rund 235 000. Das sind pro Tag 643, also pro Mensch 0,000008. Ein Witz. Das sagt uns, dass wir Beleidigungen insgeheim mögen, auch wenn dies kaum jemand zugibt. Dabei müsste doch allen der alte habsburgische Grundsatz „Viel Feind, viel Ehr“ geläufig sein.

Ich zum Beispiel, ich fühle mich durch Beschimpfungen geschmeichelt. Okay, das gehört zu meiner Mission. Denn wer geliebt werden möchte, sollte keine Kolumnen schreiben. Beleidigungen sind also eine Bestätigung meiner Arbeit. Wobei ich, zugegeben, schwer zu verunglimpfen bin – denn das meiste erreicht mich nicht. „Wie hältst Du denn diesen Shitstorm aus?“, werde ich gelegentlich gefragt. Das ist dann schnell beantwortet. Hasstiraden gehen mir nämlich schlicht am Allerwertesten vorbei, da ich mich nicht in den asozialen Medien tummele. Ich habe sogar schon überlegt, mich eigens dort anzumelden, um all die Scheißstürme nicht zu verpassen.

Aber ich weiß ja, dass es sie gibt. Und ich ahne auch, was da so geschrieben wird. Häufig schon, während ich den Auslöser dazu verfasse. Unlängst zum Beispiel gelang mir ein besonderer Coup. Er war so groß, dass mich sogar auf althergebrachte Weisen (etwa via Briefpost, reitende Boten, Kradmelder, Fernschreiber, Tauben und Rauchzeichen) eine Flut von Schmähungen erreichte. Ich hatte es geschafft, mit der Forderung nach einer Impfpflicht gleich mehrere betroffenheitsvulnerable Gruppen gegen mich aufzubringen: Impfgegner, Linke, Rechte und Christen. So wurde ich gleichzeitig als „faschistische Drecksau“ betitelt, als „linksversiffte Zecke“ und als jemand, der „blasphemisches Ejakulat“ versprüht.

Volltreffer! Ein Katholik würde an meiner Stelle von einem „Hochamt“ reden, ein Golfer von einem „Hole-in-One“, ein Baseballer von einem „Home Run“. Vielen Dank. Ich gelobe hiermit, mir weiterhin alle erdenkliche Mühe zu geben. Denn – wie gesagt – Beleidigungen haben ihren miesen Ruf oft zu Unrecht.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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