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wühlt sich dann noch ein Fahrzeug mit Blaulicht und Martinshorn durch die Wartenden, ist das ein perfekter Tag für mich.
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Wühlt sich dann noch ein Fahrzeug mit Blaulicht und Martinshorn durch die Wartenden, ist das ein perfekter Tag für mich.

Kolumne

Drang zum Optimismus lässt nach

  • Michael Herl
    VonMichael Herl
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Mich fasziniert das Alltägliche, das Nebensächliche, das Unbedeutende. Das Vermeintliche ist für mich vermeintlich, und das halte ich für eine Gabe. Die Kolumne.

Eigentlich bin ich ja grundsätzlich ein optimistischer Mensch. Schenkt man den Schilderungen meiner Erziehungsberechtigten Glauben, war ich schon als Kleinkind in der Lage, winzigsten Begebenheiten nahezu überbordende Hoffnung und Zuversicht abzugewinnen.

So zeigte ich in den Folgejahren auch kein sonderliches Interesse an Spielzeugen, Malbüchern und sonstigen Artikeln für den gemeinen Infanten, sondern kauerte voller Wonne tagelang am Fenster und ergötzte mich am Farbenspiel der Ampeln unten an der Kreuzung.

Als ich fünf war, zogen wir in ein Haus gegenüber einer Tankstelle. Fortan war ich mir sicher, mein gesamtes künftiges Leben mit dem Beobachten von Menschen verbringen zu wollen, die ihre Kraftfahrzeuge mit Betriebsstoff befüllen. Ich fühlte mich angekommen, besser konnte es nicht werden. Wurde es genau genommen auch nicht.

In der Tat stehe ich noch heute gerne an Verkehrsknotenpunkten und betrachte mir das Geschehen. Und wühlt sich dann noch ein Fahrzeug mit Blaulicht und Martinshorn durch die Wartenden, ist das ein perfekter Tag für mich. Ich finde alles interessant – außer vielleicht Orte, die dafür gemacht sind, dort zu stehen und zu gucken, etwa Museen und Ausstellungen.

Aber auch da ist abseits der Exponate genügend spannendes Unbedeutendes zu entdecken, vielleicht ein immerzu einnickender, auf einem Stuhl sitzender Wärter in einem schlecht sitzenden Anzug. Ihn zu beobachten, dafür zahle ich sogar gerne Eintritt.

Das ist natürlich nur ein Sinnbild für etliches anderes. So verbringe ich meine Zeit auch gerne an Bahnhöfen, Baustellen, Containerumschlagplätzen, Fährhäfen, Mietwagenrückgabestationen, Autowaschstraßen und Sperrmüllhaufen, in Fischhallen, Großbäckereien, Wartezimmern, Zugabteilen oder Krematorien.

In dieser Disziplin krönend war ein Aufenthalt in Kathmandu, als ich dort über Wochen hinweg fast jeden Morgen zu Sonnenaufgang am Ufer eines Flüsschens stand und dem öffentlichen Verbrennen Verstorbener beiwohnte. Anfangs fühlte ich mich dabei zwar als Eindringling, ließ mich aber dann des Gegenteils belehren. Es ist dort wie bei uns, wo die Güte einer Bestattung an der Anzahl der Trauergäste gemessen wird. Hierzulande kommt noch ein weiterer Faktor dazu, die Anzahl der im Anschluss verspeisten Streuselkuchen. Das scheint in Nepal vernünftigerweise nicht der Fall zu sein.

Mich fasziniert also das Alltägliche, das Nebensächliche, das Unbedeutende. Das Vermeintliche ist für mich unvermeintlich, und das halte ich für eine Gabe. Zum einen habe ich mit dessen Beschreiben den Unterhalt meines gesamten bisherigen Lebens bestritten.

Das funktionierte, weil wohl viele das Gewöhnliche für gewöhnlich halten und deswegen nicht in der Lage sind, es wahrzunehmen. Aber sie freuen sich, wenn ihnen jemand davon berichtet. Zum anderen ist mir nie langweilig, denn ich bin immer gespannt auf das, was da noch geschieht.

Warum ich dies alles schreibe? Nun, mit diesem natürlichen Drang zum Optimismus bin ich mehr als ein halbes Jahrhundert lang gut gefahren. Im Moment allerdings verspüre ich nur mäßiges Interesse an dem, was da noch kommen mag. Genau genommen kotzt mich alles an; mir fehlt die Zuversicht. Das ist nicht gut. Doch ich arbeite daran. Versprochen.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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